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Armin, ein Mensch wächst in seinen Anzug: Teil zwei

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Armins Wesen war von einer abwartenden, fast schüchternen Zurückhaltung geprägt, die einen Beobachter verwundern könnte, wenn er der außerordentlich wohlklingenden Resonanz lauschte, die jede bisherige Berührung des Jungen mit seiner Umwelt hervorgerufen hatte. Es hatte sich aber in Armin, im Speziellen nach dem Jahr des erfolglosen Aufbegehrens, ein dumpfes, vielmehr abdämpfendes Gefühl verbreitet, das wohl am Treffendsten mit dem allseits beliebten Konstrukt der Demut zu bezeichnen wäre. Die Vorstellung, unter irgendetwas zu stehen, das ihn anonym nährte und einlullte, schüchterte Armin auf die keuscheste Art ein, ohne dass er realisierte, dass ganz ähnliche Auslegungen der möglichen irdischen Seligkeit schon über einige Tradition verfügten. Und so wie üblicher- und anerkannterweise solch feierliche Gefühle etwas sehr Zartes, Intimes in ihrem Wirt ansprechen, sah auch Armin sich in würdevoller Einsamkeit in die exakte Mitte eines auf ihn zustrebenden Universums gesetzt. Und da er sich nicht traute oder zugestand, gegen das sich seiner Bemächtigende die Augen zu erheben, geschah es einfach unbemerkt, seiner irgendwie vorhandenen inhärenten Logik folgend. Und Armin geschah mit ihm mit, die kleine Hand hinter dem kleinen Rücken ein bebendes Stück offen haltend. So, oder in etwa so, würde Armin auf Nachfrage sagen, nahm er sich damals wahr, und zuweilen errötete er vor sich selbst: im Moment des potenziellen Erzählens als auch, so würde er vermuten, in der beschriebenen Zeit selbst, aber so genau sei das nicht zu wissen.

In ebenfalls verhältnismäßig jungen Jahren, so würde man im Nachhinein wohl behaupten, entwickelte Armin eine schwärmerische Begeisterung für das andere Geschlecht, eine Begeisterung, die sich durchaus auch körperlich bemerkbar machte, ohne dass er recht wusste, was mit ihr anzufangen sei. Anfangs kam sie auch gänzlich ohne Ziel aus. Umso mehr schämte sich Armin, ein solches, nach Handlung schreiendes Brodeln in sich anzutreffen, ohne Gelegenheit zu finden – oder überhaupt zu ahnen, was eine geeignete Gelegenheit sei – sich abzukühlen. Es geschah dies aber einige Zeit nach seiner Erkenntnis, durch aktive Willensäußerung nicht vorankommen zu können, sodass er geduldig abwartete, bis sich ihm etwas ereignete, das seinen Trieb in eine gehörige Ordnung fügen würde. Das Ereignis hieß Hanna und hätte durchaus auch anders heißen können, da es aber das erste als solches Bemerkte war, gab Armin dem, plötzlich eintreffenden, Ordnungsprinzip für seinen erhitzten Zustand eben diese zwei einfachen Silben zum Namen, die man, wären die Eltern etwas achtsamer gewesen, von vorne wie von hinten hätte lesen können. Hanna war in Armins Klasse, was natürlich alles andere als neu war, und hatte demnach ein ähnliches Alter – wobei erwähnt werden muss, dass einige Monate zwischen den Geburten ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal darstellen, wenn die Verglichenen noch nicht den Sinn für kalendarische Details, mit zunehmendem Alter, verloren haben. Hanna also war dünnblond auf einem kleinen, zarten Kopf bewachsen, presste oft die Lippen aufeinander, dass sie verschwanden, trug eine bunte Brille, die sie wohl bald nicht mehr dulden würde, hatte viele verschiedene Stifte und eine Zwillingsschwester, die aus Gründen der Unterscheidbarkeit in der Parallelklasse saß. Wenn man jetzt nachgehakt hätte, wäre Armin in aller Beiläufigkeit erwähnenswert erschienen, dass das alles aber gar nicht so wichtig sei; Hanna war, und das sei der alleinige Kern der Geschichte, seine erste große Liebe gewesen, hatte der Idee der Großen Liebe Gestalt verliehen. Nun könnte man ja annehmen, dass Armin die nächsten Wochen, wenn nicht Monate auf Kniescheiben vor dieser Gestalt verbracht hätte, aber dann läge man ganz falsch, denn das war nicht seine Art. Es war wohl gleichermaßen seiner mangelnden Erfahrung mit solcherlei Situationen, seiner Scheu vor zwingenden Handlungen und der daraus resultierenden, abwartenden Schüchternheit zulasten zu legen, dass Armin im Grunde genommen gar nichts tat, was dem abgestumpften Ausgewachsenen einen Hinweis auf solch eine Seelennähe hätte geben können. Dass Hanna ihn mochte, nahm der Junge von Vornherein als gegeben hin, ohne sich mit der Hinterfragung dieses Umstands aufzuhalten; ihre Zuneigung ihm gegenüber war ja überhaupt die notwendige Inspiration gewesen, die ihn seine Unordnung als ebensolche auslegen ließ. Irgendetwas in ihm bemerkte jedenfalls, dass von diesem Mädchen etwas ausging, das ihn zu betreffen schien. Wie das bei Kindern, und wohl auch bei Erwachsenen zum guten Teil, so ist, äußerte sich dieses Etwas vor allem in der bewussten Nichtbeachtung seiner Person. Das war für Armin, der sich in seiner Rolle als gemeinsamer Nenner der Allgemeinheit eingelebt hatte, natürlich neu, und wenn Hanna als Einzige nicht über einen seiner Witze lachte, schielte er zu ihr und war sicher, eine so tiefsitzende Freude in ihren gläsern vergrößerten Augen zu lesen, dass sie der gemeinschaftlichen Zustimmung des Chores nicht bedurfte. Umso ausgiebiger betrachtete sie ihn dafür, wenn es sonst niemand tat. Armin spürte diese Blicke und begriff zunächst nicht, warum sie sich ausgerechnet die Momente auszusuchen schien, in denen er gar keinen exemplarischen Beweis seiner Person ablegte, vielmehr einfach nur da saß und das Leben sowie ein wenig Sauerstoff empfing. Er fand aber Gefallen an der Idee, jemanden auf diese Weise sozusagen exklusiv wahrzunehmen, hielt es für einen edlen und poetischen Vorsatz, dem ganz Alltäglichen einen solchen Wert zu verleihen, und guckte sich diese Praxis, nach einiger Überlegung, von ihr ab. Es liegt in solcher Betrachtung eine Faszination, wie sie vielleicht mit dem erhebenden Gefühl vergleichbar ist, das einen durchströmt, wenn man einen großen Filmstar, der sich unbeobachtet fühlt, in Jogginghose beim Verspeisen eines Käsebrots erwischt – schauerlich echte Momente also, was, wenn man darüber nachzudenken Lust hat, natürlich dieses oder jenes über den Grad an Echtheit aussagt, den man der beobachteten Welt zutraut. Armin dachte zwar nicht an Filmstars, empfand aber ein sehr persönlich wirkendes Glück, wenn er Hanna auf dieselbe Weise betrachtete, wie er es umgekehrt erfahren hatte. Irgendeine Skepsis schien sie dazu zu bewegen, ihren Rucksack unter dem Tisch ständig mit beiden Füßen umklammert zu halten, sie strich sich das Haar im Minutentakt hinter das rechte, nie aber hinter das linke Ohr, außerdem hatte sie ein großes Problem damit, eine gleichbleibend angenehme Temperatur für sich zu finden, sodass sie ihre Jacke immer aus- und wieder anzog; all das zu bemerken und abzuspeichern, bereitete Armin eine ganz seichte Freude, die ihm sehr richtig vorkam. Besonders aber liebte er es, wenn sie einen ihrer vielen Stifte anspitzte, dann war Armin voller Spannung und wartete darauf, dass sie die entstehenden Späne achtlos vom Tisch pusten würde, was auch immer geschah – den besonderen Reiz dieser beiläufigen Unternehmung konnte sich Armin zwar nicht erklären, aber er vermutete, dass ein wenig Geheimnisvolles zu solcher Spionage dazugehöre, und versuchte gar nicht erst, sich auf die Schliche zu kommen. Viel mehr passierte auch nicht. Es ist vielleicht noch von Interesse, dass Armin, in Bezug auf seine Eitelkeit, keinen Gewinn aus der Zuneigung Hannas zog: er setzte sie nicht einmal damit in Verbindung, da ihm das alles ganz natürlich vorkam, und somit auch keine besondere Leistung darstellte, derer er sich hätte rühmen können. Es war ihm ja einfach geschehen, ohne dass er groß dazu beigetragen hätte. Er war derart gewöhnt daran, dass er alles, was eintrat, im Nachhinein betrachtet, auch gewollt hatte, dass er sich erneut fühlte, als gäbe es jemanden, der früher als er selbst wusste, wonach ihm der unbemerkte Sinn stand, und ihm die Dinge in dem Moment zur Verfügung stellte, wenn auch Armin selbst meinte, etwas zu begehren. Es war also irgendwie gleichgültig, ob nun der Wunsch zuerst kam und die Erfüllung folgte, oder ob sich erst in der Sekunde des Erfüllens der Wunsch nachträglich erschloss. So funktionierte die Welt für Armin, und daran war gar nicht so viel Unverständliches. Wie gesagt, viel mehr passierte auch nicht, die beiden Liebenden waren sich stillschweigend einig, aus der Situation eine angemessene und erschöpfende Ration Genuss zu ziehen.

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Vorsätze, Vorsätze

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Jedes beginnende Jahr braucht bekanntlich einen oder mehrere gute oder gutgemeinte Vorsätze, um sich von allen ihm vorangegangenen Jahren abzugrenzen und seine Neuartigkeit zu beweisen.

Denn: ohne Jahreswechsel ist bisher noch absolut niemand ein neuer Mensch geworden. Die Bedeutung von Jahreswechsel ist es also, uns, den Menschen, die Notwendigkeit der Erneuerung aufzuzeigen, die nur durch Vorsatz zu erreichen ist.

Schon seit einigen Jahren bin ich bei einem Düsseldorfer Fitnessdiscounter eingeschrieben, dem ich per Dauerauftrag monatlich Geld überweise. Allein dieses Angemeldetsein hat einen nachweislichen Effekt auf die Grazie meiner Figur – es bleibt weniger Geld, das in unnötige Nahrung gesteckt werden könnte. Meine Dankbarkeit dem Unternehmen gegenüber könnte daher kaum größer sein – jeder weiß ja, welches Glücksgefühl einer modeindustriekonformen Proportion tagtäglich entspringt.

Um diesen positiven Effekt im neuen Jahr ins vermutlich Unermessliche zu steigern, habe ich mich bei einem weiteren Körperkultgiganten einschreiben lassen, diesmal in Berlin – was auch deswegen sinnvoll ist, da ich nunmal in Berlin lebe. Mein Quadrizeps jedenfalls hat auf die relative Nähe der angekündigten Betätigung bereits mit einer erwartungsvollen Schwellung seiner selbst reagiert, die mich zum Einen sehr beglückte, zum Anderen aber zwei Tage der Erholung nach sich zog; man soll ja nicht übertreiben.

Nachdem ich meinem Körper die verlangte Regenerationsphase gegönnt hatte, entschloss ich mich am Sonntag Nachmittag, mit meiner geballten Herrlichkeit höchstpersönlich die Pforten der Sexappealmaschine zu durchtanzen. Nachdem ich einige Stunden lang meine Tasche mit den wenigen tausend Objekten akribisch bestückt hatte, die ein solcher Besuch mit anschließendem Saunagang erfordert, schritt ich also mit pochendem Herzen und pfeifenden Lungenflügeln in Richtung der permeablen Fasern mit Buttermilchgeruch.

Als ich ankam, wurde ich von  einigen fragenden Augenpaaren begrüßt, deren zugehöriger Körper sich zur Hälfte hinter einem  milchgläsernen Tresen  verbarg, zur anderen Hälfte aber in eine krebsrote Uniform zwängte. Das Motiv dieser fragenden Grundhaltung war mir klar: warum sollte ein Mensch wie ich, dem man den monatlich investierten Betrag an jedem Körperteil ansieht, seinen Sonntag Abend leibhaftig zwischen stählernem Gestänge verbringen wollen? Ich nickte ein Lächeln des Verständnisses und passierte das symbolische Drehkreuz, als man mir zurief, dass das würdige Etablissement bereits in zwanzig Minuten schließen würde; was ich denn noch vor  hätte? Ich nickte ein weiteres Lächeln und begriff: auch ein Rezeptionist möchte irgendwann seinen verdienten Feierabend genießen, vor lauter sportlicher Erregung war mir wohl mein Sinn für Logik abhanden gekommen. Ich ließ mir also die abgewetzte Einrichtung zeigen, bestätigte lässig meine jahrelange Erfahrung mit ihresgleichen, ging fix duschen, kämmte mir das satte Haar und belohnte mich mit einem doppelten Proteinriegel, um im Anschluss, gemeinsam mit den Uniformierten, das Ende eines erfolgreichen Tages durch die energische Drehung des Sicherheitsschlüssels zu bekräftigen.

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Mann entdeckt Kausalkette

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Es grenzt an eine Sensation: ein Mann mittleren Alters ist in Berlin auf eine bislang unbekannte Kausalkette gestoßen. In dieser folgt auf das Ereignis „Gewichtsreduktion“ notwendig das Ereignis „Energiezuwachs“, welches zum Ereignis „Beförderung“ führt und führen muss.

Der, recht schlicht anmutende, Kausalnexus erschloss sich dem charmanten Bankangestellten, nachdem ihm seine Mutter über mehrere Wochen jegliche feste Nahrung entzog. Was ihm zunächst wie eine Tortur erschien, stellte sich bald als Glücksfall heraus – der entschlackte und erschlankte Mittvierziger fühlte sich wie neugeboren, die Damen fielen ihm zu Füßen, beim Bierkauf musste er gar den Ausweis zeigen. Es kam, wie es kommen musste: sein Chef verdoppelte auf der Stelle sein Gehalt und überließ ihm huldvoll das Eckbüro.

„Ich könnte nicht glücklicher sein“ schwärmt der vitale Rüde, „und ich hoffe, dass ich viele Menschen ermutigen kann, es mir gleich zu tun. Wer auf Nahrung verzichtet, wird schön –  und damit reich. Sinn ist überall auf der Welt, man muss ihn nur finden.“

beuyz

Armin, ein Mensch wächst in seinen Anzug: Teil 1

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Er war ein Mensch, der unter der Wertschätzung, die ihm zuteil wurde, mehr litt als dass er sie genoss. So geht es vielleicht allen, die unerwartet in irgendein Amt gesetzt werden und plötzlich eine Allmacht vorfinden, eine Unfehlbarkeit, die ihnen ungerechtfertigt vorkommt, erschlichen. Aber da sie institutionell bestätigt ist, kann sie nicht in Zweifel gezogen werden, nicht einmal von dem sie Ausübenden selbst. Wenn man ihn gefragt hätte, aber das tat man nicht, so hätte er ausgeführt, dass es ihm schon seit seiner Kindheit so ergangen sei: irgendetwas oder irgendjemanden hatte sein Umfeld immer gemeint, in ihm zu sehen, einzig er selbst konnte dieses Etwas, diese Person nie recht entdecken. Es mochte auch mit seiner äußeren Erscheinung zusammenhängen. Er war groß und recht stattlich gebaut, ohne dabei einschüchternd zu wirken, sein Gesicht ebenmäßig geformt, dabei nicht auffällig schön, alles hielt sich in einem angenehmen, bescheidenen Rahmen, der den oberen Rand des Normalen zu definieren schien. Wäre er ein klein wenig ansehnlicher gewesen, als er es ohnehin schon war, so dachte er gelegentlich, so wäre ihm nur ein Bruchteil der Anerkennung zugekommen, die ihn jetzt derart im Überfluss umschwirrte. Er rief, um es auf den Punkt zu bringen, keinen Neid hervor, kein Gefühl der Fremdheit: man hielt ihn überall für einen von uns, nur etwas vollkommener, aber das war in Ordnung, da es nunmal solche Menschen gibt und solche.

Diese Wirkung, die er auf alles ihn Umgebende zu haben schien, war natürlich nicht unbemerkt an ihm vorübergegangen. Sie verwunderte ihn zunächst, und er stellte Nachforschungen an, die aber zu keiner wirklichen Erkenntnis führten. Und wie der Mensch das eben gern tut, wenn er einem Umstand erfolglos nachforscht – vor allem natürlich, wenn es sich um einen ihm hauptsächlich angenehmen handelt – so nahm auch er ihn nach einer Weile als gegeben hin. Dazu muss gesagt werden, dass diese Weile endete, als Armin, denn so hieß er auch damals schon, noch in Kinderschuhen steckte und kaum die vierte Klasse beendet hatte. Schon in jungen Jahren also verspürte er ein Gefühl der unwiderlegbaren Großartigkeit in sich, die sich ihm zwar, seiner kindlichen Logik nach, nicht erschloss, deswegen aber, so spürte er, nicht minder existent war. Er genoss eine bevorzugte Behandlung, sowohl von Seiten der Lehrer als auch seiner Mitschüler – was wohl besonders bemerkenswert ist, denn üblicherweise schließt das Eine das Andere konsequent aus. Die Lieblinge der Lehrer sind für gewöhnlich unter ihren jungen Kollegen verhasst und stehen unter dem ständigen Verdacht des Bündnisses mit dem Feind, während der Anführer der Schülergemeinschaft von den sie Unterrichtenden, als aufrührerischer Revolutionär, für seine Stellung bestraft wird, bevor es überhaupt zur Revolution kommen kann. In Armins Fall aber war das anders. Er war weder Streber noch Schläger, schleimte sich bei keinem der Lager ein, sondern setzte feinfühlig seinen wachen Geist in dem Maße ein, dass eine genauere Kenntnis der Umstände anzunehmen war und er dennoch niemanden für sein Unwissen entblößte. Er beteiligte sich, häufig sogar maßgeblich, an allen Dummheiten und Streichen, die sich die Jungs ausdachten, war aber nie derjenige, der dafür an den Pranger gestellt wurde. Im Gegenteil: er beschuldigte sich selbst, der Initiator gewesen zu sein, was ihm ungeheuren Respekt von seinen Freunden und ein bewunderndes, wohlwollend strafendes Nicken von dem betroffenen Lehrer einbrachte, der ihm seine Schuldigkeit weder zutraute noch glaubte. Es war etwas in diesem ein wenig besseren Allerweltsgesicht, das es unmöglich zu machen schien, in ihm irgendeine böse Absicht zu erkennen. Armin, wenn man ihn gefragt hätte, wäre sich ziemlich sicher gewesen, in diesen Jahren zumindest bemüht gewesen zu sein, solcherlei Absichten zu entwickeln und nach außen zu tragen. Es war ja nicht im eigentlichen Sinne eine Entscheidung, die er getroffen hatte: er hatte sich nicht dazu entschieden, der Schuld nicht fähig zu sein. Und so, da die offensichtliche Ungerechtigkeit ihn verwirrte und ihm unerklärlich blieb, versuchte er eine Weile recht beharrlich, über seinen Schatten zu springen, der ihn schon damals bei Weitem überragte. Er meldete sich ein ganzes Schuljahr lang nicht zu Wort, rollte mit den Augen, wenn die Lehrer sprachen, kam zu spät, urinierte ins Waschbecken und intrigierte unter seinen Kumpanen. All das erfüllte ihn nicht eigentlich mit Zufriedenheit, es war ihm vielmehr gleichgültig mit einer leichten Tendenz zum Unangenehmen. Viel wichtiger aber war, dass seine Bemühungen nicht den geringsten Effekt erzielten: die Lehrer betrachteten ihn voller innigem Verständnis, seine Mitschüler zankten untereinander und ließen ihn stets unangetastet. Am Ende des Jahres wurde er zum Klassensprecher gewählt, obwohl er sich nicht einmal zur Wahl hatte aufstellen lassen: die Welt schloss Armin in ihre warmen, nachgiebigen Arme, so wie eine Mutter mit vor Liebe glühenden Wangen ihren Sohn an sich drückt, der sie zuvor in aller Ernsthaftigkeit zu erdrosseln versucht hat.  Ihm wurde ein Unrecht verziehen, das nur er selbst überhaupt als ein solches aufgefasst hatte, ohne dabei ein übermäßiges Kitzeln zu verspüren. Er sah ein, dass er wohl nicht für das Herbeiführen von Unheil geeignet sei, und nachdem er die Gründe für diese augenscheinliche Tatsache auch nicht zufriedenstellend herleiten konnte, nahm er auch sie als gegeben hin. Wenn überhaupt ein Mensch fähig ist, über einen längeren Zeitraum gegen sich selbst zu handeln, so war es Armin zumindest nicht, zumal er in dieser Zeit meinte, sein Selbst durchaus irgendwie wahrnehmen zu können, wenn er es auch nicht hätte ausformulieren können, aber auch das hielt er für ganz natürlich, was es ja vermutlich auch ist. Jedenfalls endete, mit der Wahl zum Klassensprecher, Armins erster Versuch des aktiv provozierten Lebens, und so sollte es für viele Jahre bleiben. Seine Pflichten als unfreiwilliger Primus nahm er in angemessener Weise ernst, ohne zu bemerken, dass ihm die lästigen Aufgaben stillschweigend abgenommen wurden, sodass von ihm nichts erwartet wurde, als eine repräsentative Person zu sein, ganz nach der Art, wie er eine solche verstehen wollte.

Bundeswehr

Bundeswehr kauft Texter von Warsteiner

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Die gute alte Bundeswehr hat eine neue Werbekampagne, wie in deutschen Großstädten unschwer zu erkennen ist. Auf allen möglichen Premium-Plakatflächen wird dem deutschen Jungvolk der Kriegsdienst ans Herz gelegt – und siehe da: ganz so unmodern sieht das gar nicht aus. Die plastisch anmutende, dreieckige Abstraktion eines Camouflagemusters könnte von irgendeinem Grafikdesignstudenten stammen, der Carhartt-Mützen und Vans trägt, oder so. Dazu eine serifenlose Typo, die witzige Sprüche blökt, wie: „Krisenherde löschst du nicht mit Abwarten und Teetrinken“, „Wahre Stärke findest du nicht zwischen zwei Hanteln“, oder eben „Wir kämpfen auch dafür, dass du gegen uns sein kannst“. Klar, insbesondere Letzteres ist gar nicht so doof, könnte man meinen. Aber ist es die Aufgabe der Bundeswehr, bestehende Ängste anzufachen, um neue Soldaten zu rekrutieren? Zu den Waffen, unsere Demokratie wird von haarigen Männern bedroht, ihr Jammerlappen? Und wenn alles wieder gut ist, also bestimmt gleich übermorgen, könnt ihr uns ja abwählen, per Volksentscheid. Ich weiß nicht. Am Schlimmsten aber, meiner unqualifizierten Meinung nach, ist eben die erzwungene Zeitgeistigkeit der Werbeaktion selbst. Die angegebene Website lautet mach-was-wirklich-zählt.de – keine Ahnung welcher Opa da den passenden Hashtag vergessen hat, und ich werde diese Seite auch nicht besuchen, aber: das klingt doch irgendwie sehr generisch nach Warsteiner, oder Puma, oder Adidas oder einer Lebensversicherung oder einem trendigen Bestattungsunternehmen. Nach sowas eben! Die Antwort der Bundeswehr auf die Frage, was denn nun wirklich zählt, wüsste ich allerdings schon gern. Wenn das so weiter geht, stehen die bald auch vor Supermärkten in Problemvierteln herum und locken die Jugendlichen mit tarnfarbigen Lollis. Amerika, Amerika.

So, da das hier vollkommen auszuarten droht, ich mir außerdem die Blöße einer politischen Äußerung für alle Zeit verboten habe, schnell zum eigentlichen Thema.

Eines der besagten Plakate habe ich letztens schief und krumm abfotografiert, ein bisschen höhnischen Quatsch dazu geschrieben und bei Instagram, der Politplattform unser aller Wahl, gepostet. Nach einer guten Stunde kommentierte irgendein Bundeswehroffizier, und zwar, so in etwa: „Schlappschwanz!“, woraufhin er mich auf mindestens dreitausend quadratischen Fotos markierte, die deutsche Männer bei dem zeigten, was wirklich zählt: beim bewaffneten hinter-Sandsteinecken-Stehen, beim in-Deckung-Gehen, beim Gruß an die in Jena wartende Verlobte, alles fotografisch ganz in Ordnung und zeitgemäß farbkorrigiert. Ich war einigermaßen beeindruckt, die Fotos waren allesamt sehr beliebt und standen auf Seiten wie @bundeswehr­_support oder @german­_army oder so ähnlich, alle mit massig  Followern. Ich hatte ja keine Ahnung! Ganz so schnell wollte ich mich allerdings doch nicht geschlagen geben: ich löschte den Offizierskommentar, blockierte den gemeinen Kerl, entfernte mein digitales Ich in stundenlanger Arbeit von allerlei Gewehrläufen, Panzerkanonen und grüßenden Händen, auf denen es markiert worden war, setzte meine Knirschschiene ein und weinte mich guten Gewissens in den Schlaf.

trennung

Trennungsgeschichten

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Vor einiger Zeit habe ich eine kleine Episodengeschichte über eine gelungene Trennung und ihre Nachwehen geschrieben. Vor deutlich kürzerer Zeit wurde besagte Geschichte in zwei Teilen auf der Single- und Literaturseite (ich glaube, das trifft es ganz gut) im Gegenteil veröffentlicht. Was das über den Inhalt der Arbeiten aussagt, versuche auch ich immer noch herauszufinden.

Fest steht, dass die Geschichten natürlich frei erfunden sind – so etwas Schönes passiert in der Realität ja nun wirklich nicht. Sie können mit etwas Liebe und einem beherzten Klick hier gefunden werden:

http://imgegenteil.de/blog/wie-schoen-sie-war/

http://imgegenteil.de/blog/choreographien-des-miteinander