Category Archives: Food for thought

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Iljitsch berichtet

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Immer mal wieder nehme ich kleine Videos von fragwürdiger Qualität auf, in denen ich, zum Beispiel, Tücken des Alltags besinge oder mich von Bergen und ihrer Vegetation gelangweilt zeige.

Und, ja: viele dieser Fragmente sind, man erkennt es, von Snapchat gezogen, was natürlich der Grundidee dieses ach-so-vergänglichen Mediums widerspricht. Aber noch so eine trivialwissenschaftliche Einordnung erträgt ja wirklich kein Mensch mehr.

Mehr ist nicht zu sagen. Hier also, ungefragt, eine beliebige Ansammlung ebendieser bedeutungslosen Momente des Zeitgeschehens:

 

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Esteban x Iljitsch auf Island

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Vor mittlerweile zwei Sommern war ich mit zwei schönen, klugen, interessanten Menschen auf Island – neben der obligatorischen Schlaflosigkeit, geplatzten Reifen und Füßen und überteuertem Craft Beer (in allem sind sie uns unangenehm voraus, darüber sollte man dringend ausgiebiger berichten) haben wir auch einen kleinen Film produziert, der jetzt endlich fertig ist. Genau hier kann er angeschaut werden:

 

A Portrait of the Artist as a young horse

Hörgedicht: Ode an den IC

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Letztens saß ich in einem der unzähligen Heizräume eines IC – ein Zug, dem seltsame Ideen zur effektiven Raumnutzung zugrunde zu liegen scheinen, der ganz in minzgrün und rosa gehalten ist, der weder über Bistro noch über Klimaanlagen verfügt, dafür aber über Fenster, deren Öffnung bei 250km/h jeden Fahrgast unweigerlich umbringt.

Leider wird dieser wundervolle Zugtypus nach und nach abgeschafft, durch charakterlose ICE ersetzt oder stillschweigend ins EU-Ausland verlegt, wo man einen Luftdruck von mehreren tausend bar noch zu schätzen weiß.

Bevor es also zu spät wäre, und während ich da zwischen zwei liebevoll durchnässten Kulinarikerinnen klemmte, tat ich das einzig Richtige: ich schrieb eine kleine Hymne an den IC, an Pferde, an die Freiheit; dann begab ich mich schnell ans zugeigene Piano und summte das just Geschriebene sanft in die empfänglichen Audiosensoren meines Telefons hinein.

Hier, also, das Resultat:

Das schöne Foto ist übrigens von meinem ungemein talentierten Freund Stefan Neumann – www.estebanstudio.com.

Hier noch einmal, für alle Gehörlosen und Interessierten, der Text als Text als Text:

Vom Raucherbereich aus verurteilte ich die Bevölkerung des Raucherbereichs am gegenüberliegenden Gleis. Eine angeschwemmte Aufgequollenheit; es war heiß, zu heiß für viele, viel zu heiß auch für mich, an eine auch nur ansatzweise elegante Handlung war kaum zu denken
Oh Weib, dein Fleisch umschließt mich wie ein weichgewordener Butterkeks
In einem Himmel der Empörung gefangen ließ ich meine Freude tröpfchenweise absterben
Ich fror wie ein Hummer im Kochtopf
Eine selten gewordene Zitatesammlung enthält nichts was überdauert
Ich bemühte mich, Bäume zu lieben, weil ich Proust gelesen hatte
Es gibt ja nichts, was man wirklich weiß, keinen Fakt, aber es klingt hübsch
Man hatte keine verträumte Jugend, nur weil man jetzt will
Du hast nie Comics geliebt
Ich glaube niemandem ein Wort.
Das eigentliche Problem ist, dass die Leute sich zu viel glauben
Simple gets things done
In einem Wald vor meiner Zeit und nichts passiert
Und keiner ruft an
Und es ruft immer jemand an aber das zählt nicht
Denn keiner ruft an
Jedem ist alles zuzutrauen
Ist es mir egal?? Es fühlt sich nicht an als wäre es mir nicht egal
Das Garagentor meiner Kindheit und der scheiternde Schließmechanismus des neuen Portals
Ich glaube mir selbst kein Wort
Es klingt alles gleich wenn man will
Man bekommt schon ein Trauma wenn man will
Man wird bewundert wenn man will geliebt wenn man will
Aber glaubt mir kein Wort denn es macht nichts
Mir macht es nichts
Wenn ich einen Kater habe vermisse ich dich
Oh immer ich vermisse dich, außer wenn ich einen Kater habe
Vermisse ich dich und mein Leben
Und die Ausbildung bei der Hypo Vereinsbank
Ein Kirschfeld im Frühling, zwei Rappen im Trab
Das haushohe Gras
Mein Handtuch wird nass
Kalte Füße im Sommer und Durchfall
Mein Körper ein Kausalquatsch und keiner glaubt mir
Na endlich! Wenn man nicht lügt glaubt einem keiner
Ein Mann mit Pferd verfügt noch beliebig über Träume
So prescht nur meine halbe Hüfte über fremde Wiesen
Und ich frage mich wenn es stürbe ob ich es wüsste
Nun. Egal, noch immer mein Fleisch zwischen glibbernden Schinken
Dein fettiger Atem beranzt das stufenlos zu öffnende Schiebefenster
Und wenn es ganz auf ist dann birst mir der Kopf
Ein Zug der den Selbstmord des Gastes ermöglicht
Ihn sogar ermuntert
Wenn Freiheit und Luft mir den Tod bringt
Ich bin schon immer ein Freund der Romantik gewesen
Der Zugbauer auch
aussortiert zugunsten sterilisierender Bläue
Die Sprünge nicht duldet und platzende Hirne
Nur Stille und 6-Loch-Schnürer und Zeitung die nie einer liest
Wenn schon kein Pferd, dann IC

 

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Iljitsch und Roger für Mercedes

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Wie fast jeder Mensch besitze auch ich ein Konglomerat von Organen, die bei richtiger Verwendung etwas erzeugen, das dem gemeinen menschlichen Ohr wie eine Stimme vorkommt.

Üblicherweise nutze ich die meine ausschließlich, um den Tannhäuser für fernöstliche Märkte zu synchronisieren. Für mein großes Idol Roger Federer allerdings habe ich eine Ausnahme gemacht – und ein paar Harmlosigkeiten in ein teures Studiomikrofon geschmust. Hier kann man das Resultat sehen:

 

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Comic „Ode ans Nichtstun“

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Die fantastische Tina Henkel hat ungefragt einen Comic zu meiner kleinen Phantasterei Ode ans Nichtstun erstellt – eine Frechheit! Als ich allerdings das Resultat zu Gesicht bekam, nahm ich von der eingereichten Klage sofort Abstand und schickte ihr mehrere Kisten Schaumwein.

Um den Comic digital anschauen zu können, braucht ihr entweder so gute Augen wie Tina und ich, ein Fernglas, oder eine Zoomfunktion. Alternativ kann der ausgedruckte Comic für eintausend Euro (zzgl. Versand) per Email erworben werden.

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Folgendes hat sich Tina dabei gedacht:

Rethinking Procrastionation

Gezeigt wird ein Tagesablauf in 24 Handlungsträgern, die jeweils als Repräsentant einer Stunde verstanden werden können. Jede Versinnbildlichung einer Stunde splittet sich wiederum in mehrere Panels in Abhängigkeit vom Tageszeitpunkt. Die Anzahl an Panels pro Stunde nimmt im Laufe des verbildlichten Tages zu. Dieser Prozess spiegelt unsere Gesellschaft in Prokrastination und der Beschleunigung des Alltags.

Mehr von ihr findet sich unter

www.tina-henkel.de

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Armin, ein Mensch wächst in seinen Anzug: Teil zwei

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Armins Wesen war von einer abwartenden, fast schüchternen Zurückhaltung geprägt, die einen Beobachter verwundern könnte, wenn er der außerordentlich wohlklingenden Resonanz lauschte, die jede bisherige Berührung des Jungen mit seiner Umwelt hervorgerufen hatte. Es hatte sich aber in Armin, im Speziellen nach dem Jahr des erfolglosen Aufbegehrens, ein dumpfes, vielmehr abdämpfendes Gefühl verbreitet, das wohl am Treffendsten mit dem allseits beliebten Konstrukt der Demut zu bezeichnen wäre. Die Vorstellung, unter irgendetwas zu stehen, das ihn anonym nährte und einlullte, schüchterte Armin auf die keuscheste Art ein, ohne dass er realisierte, dass ganz ähnliche Auslegungen der möglichen irdischen Seligkeit schon über einige Tradition verfügten. Und so wie üblicher- und anerkannterweise solch feierliche Gefühle etwas sehr Zartes, Intimes in ihrem Wirt ansprechen, sah auch Armin sich in würdevoller Einsamkeit in die exakte Mitte eines auf ihn zustrebenden Universums gesetzt. Und da er sich nicht traute oder zugestand, gegen das sich seiner Bemächtigende die Augen zu erheben, geschah es einfach unbemerkt, seiner irgendwie vorhandenen inhärenten Logik folgend. Und Armin geschah mit ihm mit, die kleine Hand hinter dem kleinen Rücken ein bebendes Stück offen haltend. So, oder in etwa so, würde Armin auf Nachfrage sagen, nahm er sich damals wahr, und zuweilen errötete er vor sich selbst: im Moment des potenziellen Erzählens als auch, so würde er vermuten, in der beschriebenen Zeit selbst, aber so genau sei das nicht zu wissen.

In ebenfalls verhältnismäßig jungen Jahren, so würde man im Nachhinein wohl behaupten, entwickelte Armin eine schwärmerische Begeisterung für das andere Geschlecht, eine Begeisterung, die sich durchaus auch körperlich bemerkbar machte, ohne dass er recht wusste, was mit ihr anzufangen sei. Anfangs kam sie auch gänzlich ohne Ziel aus. Umso mehr schämte sich Armin, ein solches, nach Handlung schreiendes Brodeln in sich anzutreffen, ohne Gelegenheit zu finden – oder überhaupt zu ahnen, was eine geeignete Gelegenheit sei – sich abzukühlen. Es geschah dies aber einige Zeit nach seiner Erkenntnis, durch aktive Willensäußerung nicht vorankommen zu können, sodass er geduldig abwartete, bis sich ihm etwas ereignete, das seinen Trieb in eine gehörige Ordnung fügen würde. Das Ereignis hieß Hanna und hätte durchaus auch anders heißen können, da es aber das erste als solches Bemerkte war, gab Armin dem, plötzlich eintreffenden, Ordnungsprinzip für seinen erhitzten Zustand eben diese zwei einfachen Silben zum Namen, die man, wären die Eltern etwas achtsamer gewesen, von vorne wie von hinten hätte lesen können. Hanna war in Armins Klasse, was natürlich alles andere als neu war, und hatte demnach ein ähnliches Alter – wobei erwähnt werden muss, dass einige Monate zwischen den Geburten ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal darstellen, wenn die Verglichenen noch nicht den Sinn für kalendarische Details, mit zunehmendem Alter, verloren haben. Hanna also war dünnblond auf einem kleinen, zarten Kopf bewachsen, presste oft die Lippen aufeinander, dass sie verschwanden, trug eine bunte Brille, die sie wohl bald nicht mehr dulden würde, hatte viele verschiedene Stifte und eine Zwillingsschwester, die aus Gründen der Unterscheidbarkeit in der Parallelklasse saß. Wenn man jetzt nachgehakt hätte, wäre Armin in aller Beiläufigkeit erwähnenswert erschienen, dass das alles aber gar nicht so wichtig sei; Hanna war, und das sei der alleinige Kern der Geschichte, seine erste große Liebe gewesen, hatte der Idee der Großen Liebe Gestalt verliehen. Nun könnte man ja annehmen, dass Armin die nächsten Wochen, wenn nicht Monate auf Kniescheiben vor dieser Gestalt verbracht hätte, aber dann läge man ganz falsch, denn das war nicht seine Art. Es war wohl gleichermaßen seiner mangelnden Erfahrung mit solcherlei Situationen, seiner Scheu vor zwingenden Handlungen und der daraus resultierenden, abwartenden Schüchternheit zulasten zu legen, dass Armin im Grunde genommen gar nichts tat, was dem abgestumpften Ausgewachsenen einen Hinweis auf solch eine Seelennähe hätte geben können. Dass Hanna ihn mochte, nahm der Junge von Vornherein als gegeben hin, ohne sich mit der Hinterfragung dieses Umstands aufzuhalten; ihre Zuneigung ihm gegenüber war ja überhaupt die notwendige Inspiration gewesen, die ihn seine Unordnung als ebensolche auslegen ließ. Irgendetwas in ihm bemerkte jedenfalls, dass von diesem Mädchen etwas ausging, das ihn zu betreffen schien. Wie das bei Kindern, und wohl auch bei Erwachsenen zum guten Teil, so ist, äußerte sich dieses Etwas vor allem in der bewussten Nichtbeachtung seiner Person. Das war für Armin, der sich in seiner Rolle als gemeinsamer Nenner der Allgemeinheit eingelebt hatte, natürlich neu, und wenn Hanna als Einzige nicht über einen seiner Witze lachte, schielte er zu ihr und war sicher, eine so tiefsitzende Freude in ihren gläsern vergrößerten Augen zu lesen, dass sie der gemeinschaftlichen Zustimmung des Chores nicht bedurfte. Umso ausgiebiger betrachtete sie ihn dafür, wenn es sonst niemand tat. Armin spürte diese Blicke und begriff zunächst nicht, warum sie sich ausgerechnet die Momente auszusuchen schien, in denen er gar keinen exemplarischen Beweis seiner Person ablegte, vielmehr einfach nur da saß und das Leben sowie ein wenig Sauerstoff empfing. Er fand aber Gefallen an der Idee, jemanden auf diese Weise sozusagen exklusiv wahrzunehmen, hielt es für einen edlen und poetischen Vorsatz, dem ganz Alltäglichen einen solchen Wert zu verleihen, und guckte sich diese Praxis, nach einiger Überlegung, von ihr ab. Es liegt in solcher Betrachtung eine Faszination, wie sie vielleicht mit dem erhebenden Gefühl vergleichbar ist, das einen durchströmt, wenn man einen großen Filmstar, der sich unbeobachtet fühlt, in Jogginghose beim Verspeisen eines Käsebrots erwischt – schauerlich echte Momente also, was, wenn man darüber nachzudenken Lust hat, natürlich dieses oder jenes über den Grad an Echtheit aussagt, den man der beobachteten Welt zutraut. Armin dachte zwar nicht an Filmstars, empfand aber ein sehr persönlich wirkendes Glück, wenn er Hanna auf dieselbe Weise betrachtete, wie er es umgekehrt erfahren hatte. Irgendeine Skepsis schien sie dazu zu bewegen, ihren Rucksack unter dem Tisch ständig mit beiden Füßen umklammert zu halten, sie strich sich das Haar im Minutentakt hinter das rechte, nie aber hinter das linke Ohr, außerdem hatte sie ein großes Problem damit, eine gleichbleibend angenehme Temperatur für sich zu finden, sodass sie ihre Jacke immer aus- und wieder anzog; all das zu bemerken und abzuspeichern, bereitete Armin eine ganz seichte Freude, die ihm sehr richtig vorkam. Besonders aber liebte er es, wenn sie einen ihrer vielen Stifte anspitzte, dann war Armin voller Spannung und wartete darauf, dass sie die entstehenden Späne achtlos vom Tisch pusten würde, was auch immer geschah – den besonderen Reiz dieser beiläufigen Unternehmung konnte sich Armin zwar nicht erklären, aber er vermutete, dass ein wenig Geheimnisvolles zu solcher Spionage dazugehöre, und versuchte gar nicht erst, sich auf die Schliche zu kommen. Viel mehr passierte auch nicht. Es ist vielleicht noch von Interesse, dass Armin, in Bezug auf seine Eitelkeit, keinen Gewinn aus der Zuneigung Hannas zog: er setzte sie nicht einmal damit in Verbindung, da ihm das alles ganz natürlich vorkam, und somit auch keine besondere Leistung darstellte, derer er sich hätte rühmen können. Es war ihm ja einfach geschehen, ohne dass er groß dazu beigetragen hätte. Er war derart gewöhnt daran, dass er alles, was eintrat, im Nachhinein betrachtet, auch gewollt hatte, dass er sich erneut fühlte, als gäbe es jemanden, der früher als er selbst wusste, wonach ihm der unbemerkte Sinn stand, und ihm die Dinge in dem Moment zur Verfügung stellte, wenn auch Armin selbst meinte, etwas zu begehren. Es war also irgendwie gleichgültig, ob nun der Wunsch zuerst kam und die Erfüllung folgte, oder ob sich erst in der Sekunde des Erfüllens der Wunsch nachträglich erschloss. So funktionierte die Welt für Armin, und daran war gar nicht so viel Unverständliches. Wie gesagt, viel mehr passierte auch nicht, die beiden Liebenden waren sich stillschweigend einig, aus der Situation eine angemessene und erschöpfende Ration Genuss zu ziehen.

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Neues Hörbuch: Salonmensch

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Zur Sekunde habe ich alter Schwerenöter mal wieder ein kleines Hörbuch in mein Telefon gesprochen – Inspiration waren, wie eh und je, die Leiden des jungen Werther. Na, einfach anhören.

Für diejenigen, die meinen basslastigen Pathos beim besten Willen nicht ertragen können, gibt es den Text unten auch als Text.

 

Ich bin ein Salonmensch, so sagte das ein Freund, ein älterer, ein Salonmensch; es gibt solche und solche, manche stehen eben auf und schreiben und erschaffen einfach, machen den ganzen Tag nichts anderes, und sind überhaupt ganz unangenehme Personen im Umgang – weil sie lieber schreiben und erschaffen würden, nicht reden. Ich rede lieber davon, als zu tun, ganz allgemein, und daran, so mein Freund, der ältere, daran ändere sich grundlegend nichts. Ich glaube es ihm, ich weiß es ja – immer wieder rede ich mir ein, mit mir und Büchern und schweren Gedanken und dem ganzen Tran vollkommen ausgefüllt zu sein; und dann kommt eine Einladung, irgendetwas lockt, oder ich habe einfach nur Hunger, beziehungsweise: unersättlichen Drang zu konsumieren, damit kann man den ganzen Tag zubringen, mit konsumieren, ohne Probleme. Und wenn man zur Genüge daran gewöhnt ist, in hohem Ausmaß alles Mögliche zu sich zu nehmen, dann fühlt sich das absolut normal an, wie ein notwendiger Bestandteil des Tages – und was notwendig zu jedem Tag gehört, das kann man ja nicht einfach weglassen, oder? Man würde ja umkommen. Und je mehr dieses notwendigen Konsums es gibt, desto mehr Zeit nimmt er in Anspruch, desto mehr Zeit tut man eigentlich nichts, als sich am Leben zu erhalten, wobei man sich natürlich das Leben damit alles andere als erhält.
Und dabei geht es gar nicht um Drogen, nicht nur; eigentlich geht es um viele andere Dinge wesentlich mehr als um Drogen, auch wenn sie natürlich symptomatisch für diese Art des Gewohnheitskonsums sind – es geht auch um das Gegenteil von Drogen, sozusagen: Sport, Obst, eine gesunde und bewusste Ernährung überhaupt, Spaziergänge; all das konsumiert man ja, und meint man in zunehmendem Maße konsumieren zu müssen, letztens las ich: wenn man jeden Tag eine Stunde joggen geht, dann verlängert das zwar das Leben um durchschnittlich zwei Jahre, aber man verbringt eben auch etwa vier Jahre seines Lebens nur mit dem Laufen. Das ist natürlich reichlich pauschal, und Joggen macht ja auch Spaß, es ist ja nicht so, als würde man gar nichts tun und die Jahre einfach in den Sand setzen, aber: ich bin mir sicher, dass es mittlerweile genau so viele Sportabhängige gibt wie Drogenabhängige. Da wird sich nur nicht so schnell drüber beklagt, wenn dann nur auf satirische Art: Sport ist spießig, ja, das kommt gerne mal aus dem Lager der überzeugten Künstler und Raucher; und das stimmt ja auch, aber ist es nur das? Was macht denn Spaß am Sport? Vor allem seine Hohlheit, die Dummheit, die er einem abverlangt: es ist ja nicht einmal so, als würde der Sport Dummheit nur dulden, er verlangt sie: wenn man denkt, kann man nicht vernünftig trainieren, dann kommen die Automatismen des Körpers durcheinander, also aus damit, und das wird dann als Überzeugung verkauft oder vielmehr als Argument – ich kann mich dabei so gut entspannen. Und ich frage mich immer, wovon zur Hölle sich diese Büroperson zu entspannen hat, warum er seinen Kopf ausschalten muss, der ohnehin nie wirklich geöffnet ist für irgendetwas, das seinen Horizont verfärben oder kreuzen könnte. Man optimiert sich, ja, und natürlich optimiert man sich auch vollkommen unverhältnismäßig: wohin denn mit der ganzen Gesundheit, mit all den Muskeln, in einer Welt die immer weniger davon verlangt – und schön und paradox ist, dass gleichsam es immer mehr davon gibt. Vorbereitung auf einen Notfall, der nie eintreffen wird, auf einen höchst unwahrscheinlichen Umstand; wie ein Schauspieler, der sich auf eine Rolle vorbereitet, die er dann doch nur spielt in aller Sicherheit; aber die meisten sind ja nicht einmal Schauspieler. Die Ergebnisse unseres Tuns kümmern nicht einmal in der Fiktion, und würde unser Bizeps gänzlich verkümmern, es änderte nichts an unserem Leben, wenig an unseren Jobaussichten, ein wenig mehr vielleicht an der Partnersuche. Sport verlängert ein Leben, das wir gar nicht wollen, sonst würden wir nicht zum Sport gehen. Sport ist für Salonmenschen, und Obst auch, und Gesichtscremes und überhaupt all das; wenn man ein wirklich leidenschaftlicher Mensch wäre, dann würde man das schon merken, dann hätte man gar keine Zeit für Irgendwas oder Irgendwen.
Es verzweifelt in mir einigermaßen darüber. Was auch keine Lösung ist: nicht zum Sport zu gehen, kein Obst zu essen, ein trockenes Gesicht zu bekommen, und sich vorzumachen, dass damit Leidenschaft erzwungen sei, eine Überzeugung: wenn ich mich zwänge, zu Hause zu bleiben, noch weniger auf mich zu achten als ohnehin schon, wenn ich mir den Spiegel entzöge und die Massage meiner Eitelkeit: ich würde unendlich unglücklich, ich käme um, und wichtiger – ich käme zu gar nichts mehr, auch nicht mehr zu meinen Stümpereien, die auf ebendiesen Eitelkeiten beruhen. Wenn ich mich auf eine einsame Insel zurückzöge, sollte das wirklich mal jemand tun (es tun ja Leute sehr erfolgreich), ich würde überall auf der Insel suchen, ob nicht jemand ein Telefon vergessen habe oder sonst irgendetwas, ich würde den ganzen Tag an Sex denken, mich bemitleiden, schlafen: bevor ich etwas zustande brächte. Es ist nicht jeder für so ein Inselleben gemacht, beziehungsweise: nur wenige sind es, nicht jeder wird zum Genie, wenn er endlich mal Zeit hat und seine Ruhe, nur wenige werden das, die meisten werden einfach immer dümmer; immer weniger fällt ihnen ein, und dann liegt man nur so rum und sabbert, weil es ja keiner merkt.
Und dann immer dieses Schreiben über sich selbst, diese Fantasielosigkeit, dieser Mangel an Empathie, diese Unfähigkeit über Menschen nachzudenken, die man nicht kennt – und über die Bekannten nur in dem Maße, in dem man ihnen Leid zugefügt hat, oder sie einem, und dabei bemerkt man, dass die Schuld klar verteilt war, immer klar verteilt ist. Ein Leben als Episode, das ist für sich genommen schon verwerflich, aber dann doch wenigstens mit einem Resultat, das sich sehen lässt, vielmehr: ein Resultat, das irgendwie erbaulich sein kann, für irgendjemanden zumindest, dass jemand aus den Fehlern, die man selbst gemacht hat, lernen kann, oder sich darin wiederfindet, aber mit einem Ausweg: nicht nur Ekel hervorrufen, Scham, Fremdheit, für wen tut man das alles denn? Für sich selbst, dann dürfte man nicht in Salonkategorien denken, für andere, dann müsste man über sich hinauswachsen können. Da ist doch der Bizeps ein guter Anfang.

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Vorsätze, Vorsätze

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Jedes beginnende Jahr braucht bekanntlich einen oder mehrere gute oder gutgemeinte Vorsätze, um sich von allen ihm vorangegangenen Jahren abzugrenzen und seine Neuartigkeit zu beweisen.

Denn: ohne Jahreswechsel ist bisher noch absolut niemand ein neuer Mensch geworden. Die Bedeutung von Jahreswechsel ist es also, uns, den Menschen, die Notwendigkeit der Erneuerung aufzuzeigen, die nur durch Vorsatz zu erreichen ist.

Schon seit einigen Jahren bin ich bei einem Düsseldorfer Fitnessdiscounter eingeschrieben, dem ich per Dauerauftrag monatlich Geld überweise. Allein dieses Angemeldetsein hat einen nachweislichen Effekt auf die Grazie meiner Figur – es bleibt weniger Geld, das in unnötige Nahrung gesteckt werden könnte. Meine Dankbarkeit dem Unternehmen gegenüber könnte daher kaum größer sein – jeder weiß ja, welches Glücksgefühl einer modeindustriekonformen Proportion tagtäglich entspringt.

Um diesen positiven Effekt im neuen Jahr ins vermutlich Unermessliche zu steigern, habe ich mich bei einem weiteren Körperkultgiganten einschreiben lassen, diesmal in Berlin – was auch deswegen sinnvoll ist, da ich nunmal in Berlin lebe. Mein Quadrizeps jedenfalls hat auf die relative Nähe der angekündigten Betätigung bereits mit einer erwartungsvollen Schwellung seiner selbst reagiert, die mich zum Einen sehr beglückte, zum Anderen aber zwei Tage der Erholung nach sich zog; man soll ja nicht übertreiben.

Nachdem ich meinem Körper die verlangte Regenerationsphase gegönnt hatte, entschloss ich mich am Sonntag Nachmittag, mit meiner geballten Herrlichkeit höchstpersönlich die Pforten der Sexappealmaschine zu durchtanzen. Nachdem ich einige Stunden lang meine Tasche mit den wenigen tausend Objekten akribisch bestückt hatte, die ein solcher Besuch mit anschließendem Saunagang erfordert, schritt ich also mit pochendem Herzen und pfeifenden Lungenflügeln in Richtung der permeablen Fasern mit Buttermilchgeruch.

Als ich ankam, wurde ich von  einigen fragenden Augenpaaren begrüßt, deren zugehöriger Körper sich zur Hälfte hinter einem  milchgläsernen Tresen  verbarg, zur anderen Hälfte aber in eine krebsrote Uniform zwängte. Das Motiv dieser fragenden Grundhaltung war mir klar: warum sollte ein Mensch wie ich, dem man den monatlich investierten Betrag an jedem Körperteil ansieht, seinen Sonntag Abend leibhaftig zwischen stählernem Gestänge verbringen wollen? Ich nickte ein Lächeln des Verständnisses und passierte das symbolische Drehkreuz, als man mir zurief, dass das würdige Etablissement bereits in zwanzig Minuten schließen würde; was ich denn noch vor  hätte? Ich nickte ein weiteres Lächeln und begriff: auch ein Rezeptionist möchte irgendwann seinen verdienten Feierabend genießen, vor lauter sportlicher Erregung war mir wohl mein Sinn für Logik abhanden gekommen. Ich ließ mir also die abgewetzte Einrichtung zeigen, bestätigte lässig meine jahrelange Erfahrung mit ihresgleichen, ging fix duschen, kämmte mir das satte Haar und belohnte mich mit einem doppelten Proteinriegel, um im Anschluss, gemeinsam mit den Uniformierten, das Ende eines erfolgreichen Tages durch die energische Drehung des Sicherheitsschlüssels zu bekräftigen.

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Mann entdeckt Kausalkette

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Es grenzt an eine Sensation: ein Mann mittleren Alters ist in Berlin auf eine bislang unbekannte Kausalkette gestoßen. In dieser folgt auf das Ereignis „Gewichtsreduktion“ notwendig das Ereignis „Energiezuwachs“, welches zum Ereignis „Beförderung“ führt und führen muss.

Der, recht schlicht anmutende, Kausalnexus erschloss sich dem charmanten Bankangestellten, nachdem ihm seine Mutter über mehrere Wochen jegliche feste Nahrung entzog. Was ihm zunächst wie eine Tortur erschien, stellte sich bald als Glücksfall heraus – der entschlackte und erschlankte Mittvierziger fühlte sich wie neugeboren, die Damen fielen ihm zu Füßen, beim Bierkauf musste er gar den Ausweis zeigen. Es kam, wie es kommen musste: sein Chef verdoppelte auf der Stelle sein Gehalt und überließ ihm huldvoll das Eckbüro.

„Ich könnte nicht glücklicher sein“ schwärmt der vitale Rüde, „und ich hoffe, dass ich viele Menschen ermutigen kann, es mir gleich zu tun. Wer auf Nahrung verzichtet, wird schön –  und damit reich. Sinn ist überall auf der Welt, man muss ihn nur finden.“

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Armin, ein Mensch wächst in seinen Anzug: Teil 1

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Er war ein Mensch, der unter der Wertschätzung, die ihm zuteil wurde, mehr litt als dass er sie genoss. So geht es vielleicht allen, die unerwartet in irgendein Amt gesetzt werden und plötzlich eine Allmacht vorfinden, eine Unfehlbarkeit, die ihnen ungerechtfertigt vorkommt, erschlichen. Aber da sie institutionell bestätigt ist, kann sie nicht in Zweifel gezogen werden, nicht einmal von dem sie Ausübenden selbst. Wenn man ihn gefragt hätte, aber das tat man nicht, so hätte er ausgeführt, dass es ihm schon seit seiner Kindheit so ergangen sei: irgendetwas oder irgendjemanden hatte sein Umfeld immer gemeint, in ihm zu sehen, einzig er selbst konnte dieses Etwas, diese Person nie recht entdecken. Es mochte auch mit seiner äußeren Erscheinung zusammenhängen. Er war groß und recht stattlich gebaut, ohne dabei einschüchternd zu wirken, sein Gesicht ebenmäßig geformt, dabei nicht auffällig schön, alles hielt sich in einem angenehmen, bescheidenen Rahmen, der den oberen Rand des Normalen zu definieren schien. Wäre er ein klein wenig ansehnlicher gewesen, als er es ohnehin schon war, so dachte er gelegentlich, so wäre ihm nur ein Bruchteil der Anerkennung zugekommen, die ihn jetzt derart im Überfluss umschwirrte. Er rief, um es auf den Punkt zu bringen, keinen Neid hervor, kein Gefühl der Fremdheit: man hielt ihn überall für einen von uns, nur etwas vollkommener, aber das war in Ordnung, da es nunmal solche Menschen gibt und solche.

Diese Wirkung, die er auf alles ihn Umgebende zu haben schien, war natürlich nicht unbemerkt an ihm vorübergegangen. Sie verwunderte ihn zunächst, und er stellte Nachforschungen an, die aber zu keiner wirklichen Erkenntnis führten. Und wie der Mensch das eben gern tut, wenn er einem Umstand erfolglos nachforscht – vor allem natürlich, wenn es sich um einen ihm hauptsächlich angenehmen handelt – so nahm auch er ihn nach einer Weile als gegeben hin. Dazu muss gesagt werden, dass diese Weile endete, als Armin, denn so hieß er auch damals schon, noch in Kinderschuhen steckte und kaum die vierte Klasse beendet hatte. Schon in jungen Jahren also verspürte er ein Gefühl der unwiderlegbaren Großartigkeit in sich, die sich ihm zwar, seiner kindlichen Logik nach, nicht erschloss, deswegen aber, so spürte er, nicht minder existent war. Er genoss eine bevorzugte Behandlung, sowohl von Seiten der Lehrer als auch seiner Mitschüler – was wohl besonders bemerkenswert ist, denn üblicherweise schließt das Eine das Andere konsequent aus. Die Lieblinge der Lehrer sind für gewöhnlich unter ihren jungen Kollegen verhasst und stehen unter dem ständigen Verdacht des Bündnisses mit dem Feind, während der Anführer der Schülergemeinschaft von den sie Unterrichtenden, als aufrührerischer Revolutionär, für seine Stellung bestraft wird, bevor es überhaupt zur Revolution kommen kann. In Armins Fall aber war das anders. Er war weder Streber noch Schläger, schleimte sich bei keinem der Lager ein, sondern setzte feinfühlig seinen wachen Geist in dem Maße ein, dass eine genauere Kenntnis der Umstände anzunehmen war und er dennoch niemanden für sein Unwissen entblößte. Er beteiligte sich, häufig sogar maßgeblich, an allen Dummheiten und Streichen, die sich die Jungs ausdachten, war aber nie derjenige, der dafür an den Pranger gestellt wurde. Im Gegenteil: er beschuldigte sich selbst, der Initiator gewesen zu sein, was ihm ungeheuren Respekt von seinen Freunden und ein bewunderndes, wohlwollend strafendes Nicken von dem betroffenen Lehrer einbrachte, der ihm seine Schuldigkeit weder zutraute noch glaubte. Es war etwas in diesem ein wenig besseren Allerweltsgesicht, das es unmöglich zu machen schien, in ihm irgendeine böse Absicht zu erkennen. Armin, wenn man ihn gefragt hätte, wäre sich ziemlich sicher gewesen, in diesen Jahren zumindest bemüht gewesen zu sein, solcherlei Absichten zu entwickeln und nach außen zu tragen. Es war ja nicht im eigentlichen Sinne eine Entscheidung, die er getroffen hatte: er hatte sich nicht dazu entschieden, der Schuld nicht fähig zu sein. Und so, da die offensichtliche Ungerechtigkeit ihn verwirrte und ihm unerklärlich blieb, versuchte er eine Weile recht beharrlich, über seinen Schatten zu springen, der ihn schon damals bei Weitem überragte. Er meldete sich ein ganzes Schuljahr lang nicht zu Wort, rollte mit den Augen, wenn die Lehrer sprachen, kam zu spät, urinierte ins Waschbecken und intrigierte unter seinen Kumpanen. All das erfüllte ihn nicht eigentlich mit Zufriedenheit, es war ihm vielmehr gleichgültig mit einer leichten Tendenz zum Unangenehmen. Viel wichtiger aber war, dass seine Bemühungen nicht den geringsten Effekt erzielten: die Lehrer betrachteten ihn voller innigem Verständnis, seine Mitschüler zankten untereinander und ließen ihn stets unangetastet. Am Ende des Jahres wurde er zum Klassensprecher gewählt, obwohl er sich nicht einmal zur Wahl hatte aufstellen lassen: die Welt schloss Armin in ihre warmen, nachgiebigen Arme, so wie eine Mutter mit vor Liebe glühenden Wangen ihren Sohn an sich drückt, der sie zuvor in aller Ernsthaftigkeit zu erdrosseln versucht hat.  Ihm wurde ein Unrecht verziehen, das nur er selbst überhaupt als ein solches aufgefasst hatte, ohne dabei ein übermäßiges Kitzeln zu verspüren. Er sah ein, dass er wohl nicht für das Herbeiführen von Unheil geeignet sei, und nachdem er die Gründe für diese augenscheinliche Tatsache auch nicht zufriedenstellend herleiten konnte, nahm er auch sie als gegeben hin. Wenn überhaupt ein Mensch fähig ist, über einen längeren Zeitraum gegen sich selbst zu handeln, so war es Armin zumindest nicht, zumal er in dieser Zeit meinte, sein Selbst durchaus irgendwie wahrnehmen zu können, wenn er es auch nicht hätte ausformulieren können, aber auch das hielt er für ganz natürlich, was es ja vermutlich auch ist. Jedenfalls endete, mit der Wahl zum Klassensprecher, Armins erster Versuch des aktiv provozierten Lebens, und so sollte es für viele Jahre bleiben. Seine Pflichten als unfreiwilliger Primus nahm er in angemessener Weise ernst, ohne zu bemerken, dass ihm die lästigen Aufgaben stillschweigend abgenommen wurden, sodass von ihm nichts erwartet wurde, als eine repräsentative Person zu sein, ganz nach der Art, wie er eine solche verstehen wollte.