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Neues Hörbuch: Salonmensch

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Zur Sekunde habe ich alter Schwerenöter mal wieder ein kleines Hörbuch in mein Telefon gesprochen – Inspiration waren, wie eh und je, die Leiden des jungen Werther. Na, einfach anhören.

Für diejenigen, die meinen basslastigen Pathos beim besten Willen nicht ertragen können, gibt es den Text unten auch als Text.

 

Ich bin ein Salonmensch, so sagte das ein Freund, ein älterer, ein Salonmensch; es gibt solche und solche, manche stehen eben auf und schreiben und erschaffen einfach, machen den ganzen Tag nichts anderes, und sind überhaupt ganz unangenehme Personen im Umgang – weil sie lieber schreiben und erschaffen würden, nicht reden. Ich rede lieber davon, als zu tun, ganz allgemein, und daran, so mein Freund, der ältere, daran ändere sich grundlegend nichts. Ich glaube es ihm, ich weiß es ja – immer wieder rede ich mir ein, mit mir und Büchern und schweren Gedanken und dem ganzen Tran vollkommen ausgefüllt zu sein; und dann kommt eine Einladung, irgendetwas lockt, oder ich habe einfach nur Hunger, beziehungsweise: unersättlichen Drang zu konsumieren, damit kann man den ganzen Tag zubringen, mit konsumieren, ohne Probleme. Und wenn man zur Genüge daran gewöhnt ist, in hohem Ausmaß alles Mögliche zu sich zu nehmen, dann fühlt sich das absolut normal an, wie ein notwendiger Bestandteil des Tages – und was notwendig zu jedem Tag gehört, das kann man ja nicht einfach weglassen, oder? Man würde ja umkommen. Und je mehr dieses notwendigen Konsums es gibt, desto mehr Zeit nimmt er in Anspruch, desto mehr Zeit tut man eigentlich nichts, als sich am Leben zu erhalten, wobei man sich natürlich das Leben damit alles andere als erhält.
Und dabei geht es gar nicht um Drogen, nicht nur; eigentlich geht es um viele andere Dinge wesentlich mehr als um Drogen, auch wenn sie natürlich symptomatisch für diese Art des Gewohnheitskonsums sind – es geht auch um das Gegenteil von Drogen, sozusagen: Sport, Obst, eine gesunde und bewusste Ernährung überhaupt, Spaziergänge; all das konsumiert man ja, und meint man in zunehmendem Maße konsumieren zu müssen, letztens las ich: wenn man jeden Tag eine Stunde joggen geht, dann verlängert das zwar das Leben um durchschnittlich zwei Jahre, aber man verbringt eben auch etwa vier Jahre seines Lebens nur mit dem Laufen. Das ist natürlich reichlich pauschal, und Joggen macht ja auch Spaß, es ist ja nicht so, als würde man gar nichts tun und die Jahre einfach in den Sand setzen, aber: ich bin mir sicher, dass es mittlerweile genau so viele Sportabhängige gibt wie Drogenabhängige. Da wird sich nur nicht so schnell drüber beklagt, wenn dann nur auf satirische Art: Sport ist spießig, ja, das kommt gerne mal aus dem Lager der überzeugten Künstler und Raucher; und das stimmt ja auch, aber ist es nur das? Was macht denn Spaß am Sport? Vor allem seine Hohlheit, die Dummheit, die er einem abverlangt: es ist ja nicht einmal so, als würde der Sport Dummheit nur dulden, er verlangt sie: wenn man denkt, kann man nicht vernünftig trainieren, dann kommen die Automatismen des Körpers durcheinander, also aus damit, und das wird dann als Überzeugung verkauft oder vielmehr als Argument – ich kann mich dabei so gut entspannen. Und ich frage mich immer, wovon zur Hölle sich diese Büroperson zu entspannen hat, warum er seinen Kopf ausschalten muss, der ohnehin nie wirklich geöffnet ist für irgendetwas, das seinen Horizont verfärben oder kreuzen könnte. Man optimiert sich, ja, und natürlich optimiert man sich auch vollkommen unverhältnismäßig: wohin denn mit der ganzen Gesundheit, mit all den Muskeln, in einer Welt die immer weniger davon verlangt – und schön und paradox ist, dass gleichsam es immer mehr davon gibt. Vorbereitung auf einen Notfall, der nie eintreffen wird, auf einen höchst unwahrscheinlichen Umstand; wie ein Schauspieler, der sich auf eine Rolle vorbereitet, die er dann doch nur spielt in aller Sicherheit; aber die meisten sind ja nicht einmal Schauspieler. Die Ergebnisse unseres Tuns kümmern nicht einmal in der Fiktion, und würde unser Bizeps gänzlich verkümmern, es änderte nichts an unserem Leben, wenig an unseren Jobaussichten, ein wenig mehr vielleicht an der Partnersuche. Sport verlängert ein Leben, das wir gar nicht wollen, sonst würden wir nicht zum Sport gehen. Sport ist für Salonmenschen, und Obst auch, und Gesichtscremes und überhaupt all das; wenn man ein wirklich leidenschaftlicher Mensch wäre, dann würde man das schon merken, dann hätte man gar keine Zeit für Irgendwas oder Irgendwen.
Es verzweifelt in mir einigermaßen darüber. Was auch keine Lösung ist: nicht zum Sport zu gehen, kein Obst zu essen, ein trockenes Gesicht zu bekommen, und sich vorzumachen, dass damit Leidenschaft erzwungen sei, eine Überzeugung: wenn ich mich zwänge, zu Hause zu bleiben, noch weniger auf mich zu achten als ohnehin schon, wenn ich mir den Spiegel entzöge und die Massage meiner Eitelkeit: ich würde unendlich unglücklich, ich käme um, und wichtiger – ich käme zu gar nichts mehr, auch nicht mehr zu meinen Stümpereien, die auf ebendiesen Eitelkeiten beruhen. Wenn ich mich auf eine einsame Insel zurückzöge, sollte das wirklich mal jemand tun (es tun ja Leute sehr erfolgreich), ich würde überall auf der Insel suchen, ob nicht jemand ein Telefon vergessen habe oder sonst irgendetwas, ich würde den ganzen Tag an Sex denken, mich bemitleiden, schlafen: bevor ich etwas zustande brächte. Es ist nicht jeder für so ein Inselleben gemacht, beziehungsweise: nur wenige sind es, nicht jeder wird zum Genie, wenn er endlich mal Zeit hat und seine Ruhe, nur wenige werden das, die meisten werden einfach immer dümmer; immer weniger fällt ihnen ein, und dann liegt man nur so rum und sabbert, weil es ja keiner merkt.
Und dann immer dieses Schreiben über sich selbst, diese Fantasielosigkeit, dieser Mangel an Empathie, diese Unfähigkeit über Menschen nachzudenken, die man nicht kennt – und über die Bekannten nur in dem Maße, in dem man ihnen Leid zugefügt hat, oder sie einem, und dabei bemerkt man, dass die Schuld klar verteilt war, immer klar verteilt ist. Ein Leben als Episode, das ist für sich genommen schon verwerflich, aber dann doch wenigstens mit einem Resultat, das sich sehen lässt, vielmehr: ein Resultat, das irgendwie erbaulich sein kann, für irgendjemanden zumindest, dass jemand aus den Fehlern, die man selbst gemacht hat, lernen kann, oder sich darin wiederfindet, aber mit einem Ausweg: nicht nur Ekel hervorrufen, Scham, Fremdheit, für wen tut man das alles denn? Für sich selbst, dann dürfte man nicht in Salonkategorien denken, für andere, dann müsste man über sich hinauswachsen können. Da ist doch der Bizeps ein guter Anfang.

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Grillen mit Iljitsch

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Um der alljährlichen Winterdepression ein klein wenig entgegenzuwirken, habe ich aus den iljitscheigenen Archiven ein kurzweiliges Video ausgegraben, das dieses Frühjahr vollkommen spontan in einem Kölner Innenhof entstanden ist.

Wie es der Zufall so wollte, waren neben der Kamera auch einige herausragende Produkte vorhanden, als ich am Ort des Geschehens eintraf, um in aller Unschuld ein gewaltiges Stück Eutertier fachgerecht zu garen. Konsequent, wie ich nun einmal bin, nutzte ich also die gegebenen Hightech-Materialien in einer frei erfundenen Reihenfolge, die sich sehr richtig anfühlte.

In Zeiten wie den heutigen mit haarsträubenden Problemen wie den unseren, gewinnt der gute deutsche Kohlengrill eine ganz neue, integrative Bedeutung. Die gemeinsame Nahrungsaufnahme, wie schon jede minderjährige Studentin der Sozialwissenschaften weiß, ist eine der effektivsten Formen nonverbaler Kommunikation – wer bei Tisch sich ein Mahl teilt, das bestenfalls in gemeinschaftlicher Arbeit zubereitet wurde, spricht in einer beeindruckenden Vielzahl der Fälle nicht mehr über Gott oder Politik, und alles ist gut.

Über manche Dinge besteht eben eine Einigkeit, die jenseits der Sprache in ihrer ewigen Harmonie schlummert: über die Köstlichkeit des gegrillten Nutztiers, zum Beispiel, oder über die Vorzüge eines Produkts aus Stuttgart, dessen Markenname den Zusatz -manufaktur beinhaltet.

Besinnen wir uns doch darauf, wenn im nahenden Frühling der backsteinerne Innenhof seine Reize preisgibt. Für eine schmackhafte Welt der behutsam abgedeckten Gegensätze. Nur die Handschuhe nicht vergessen, bitte.

Ah, und hier das besagte Video.

 

 

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Vorsätze, Vorsätze

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Jedes beginnende Jahr braucht bekanntlich einen oder mehrere gute oder gutgemeinte Vorsätze, um sich von allen ihm vorangegangenen Jahren abzugrenzen und seine Neuartigkeit zu beweisen.

Denn: ohne Jahreswechsel ist bisher noch absolut niemand ein neuer Mensch geworden. Die Bedeutung von Jahreswechsel ist es also, uns, den Menschen, die Notwendigkeit der Erneuerung aufzuzeigen, die nur durch Vorsatz zu erreichen ist.

Schon seit einigen Jahren bin ich bei einem Düsseldorfer Fitnessdiscounter eingeschrieben, dem ich per Dauerauftrag monatlich Geld überweise. Allein dieses Angemeldetsein hat einen nachweislichen Effekt auf die Grazie meiner Figur – es bleibt weniger Geld, das in unnötige Nahrung gesteckt werden könnte. Meine Dankbarkeit dem Unternehmen gegenüber könnte daher kaum größer sein – jeder weiß ja, welches Glücksgefühl einer modeindustriekonformen Proportion tagtäglich entspringt.

Um diesen positiven Effekt im neuen Jahr ins vermutlich Unermessliche zu steigern, habe ich mich bei einem weiteren Körperkultgiganten einschreiben lassen, diesmal in Berlin – was auch deswegen sinnvoll ist, da ich nunmal in Berlin lebe. Mein Quadrizeps jedenfalls hat auf die relative Nähe der angekündigten Betätigung bereits mit einer erwartungsvollen Schwellung seiner selbst reagiert, die mich zum Einen sehr beglückte, zum Anderen aber zwei Tage der Erholung nach sich zog; man soll ja nicht übertreiben.

Nachdem ich meinem Körper die verlangte Regenerationsphase gegönnt hatte, entschloss ich mich am Sonntag Nachmittag, mit meiner geballten Herrlichkeit höchstpersönlich die Pforten der Sexappealmaschine zu durchtanzen. Nachdem ich einige Stunden lang meine Tasche mit den wenigen tausend Objekten akribisch bestückt hatte, die ein solcher Besuch mit anschließendem Saunagang erfordert, schritt ich also mit pochendem Herzen und pfeifenden Lungenflügeln in Richtung der permeablen Fasern mit Buttermilchgeruch.

Als ich ankam, wurde ich von  einigen fragenden Augenpaaren begrüßt, deren zugehöriger Körper sich zur Hälfte hinter einem  milchgläsernen Tresen  verbarg, zur anderen Hälfte aber in eine krebsrote Uniform zwängte. Das Motiv dieser fragenden Grundhaltung war mir klar: warum sollte ein Mensch wie ich, dem man den monatlich investierten Betrag an jedem Körperteil ansieht, seinen Sonntag Abend leibhaftig zwischen stählernem Gestänge verbringen wollen? Ich nickte ein Lächeln des Verständnisses und passierte das symbolische Drehkreuz, als man mir zurief, dass das würdige Etablissement bereits in zwanzig Minuten schließen würde; was ich denn noch vor  hätte? Ich nickte ein weiteres Lächeln und begriff: auch ein Rezeptionist möchte irgendwann seinen verdienten Feierabend genießen, vor lauter sportlicher Erregung war mir wohl mein Sinn für Logik abhanden gekommen. Ich ließ mir also die abgewetzte Einrichtung zeigen, bestätigte lässig meine jahrelange Erfahrung mit ihresgleichen, ging fix duschen, kämmte mir das satte Haar und belohnte mich mit einem doppelten Proteinriegel, um im Anschluss, gemeinsam mit den Uniformierten, das Ende eines erfolgreichen Tages durch die energische Drehung des Sicherheitsschlüssels zu bekräftigen.

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Mann entdeckt Kausalkette

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Es grenzt an eine Sensation: ein Mann mittleren Alters ist in Berlin auf eine bislang unbekannte Kausalkette gestoßen. In dieser folgt auf das Ereignis „Gewichtsreduktion“ notwendig das Ereignis „Energiezuwachs“, welches zum Ereignis „Beförderung“ führt und führen muss.

Der, recht schlicht anmutende, Kausalnexus erschloss sich dem charmanten Bankangestellten, nachdem ihm seine Mutter über mehrere Wochen jegliche feste Nahrung entzog. Was ihm zunächst wie eine Tortur erschien, stellte sich bald als Glücksfall heraus – der entschlackte und erschlankte Mittvierziger fühlte sich wie neugeboren, die Damen fielen ihm zu Füßen, beim Bierkauf musste er gar den Ausweis zeigen. Es kam, wie es kommen musste: sein Chef verdoppelte auf der Stelle sein Gehalt und überließ ihm huldvoll das Eckbüro.

„Ich könnte nicht glücklicher sein“ schwärmt der vitale Rüde, „und ich hoffe, dass ich viele Menschen ermutigen kann, es mir gleich zu tun. Wer auf Nahrung verzichtet, wird schön –  und damit reich. Sinn ist überall auf der Welt, man muss ihn nur finden.“

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Armin, ein Mensch wächst in seinen Anzug: Teil 1

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Er war ein Mensch, der unter der Wertschätzung, die ihm zuteil wurde, mehr litt als dass er sie genoss. So geht es vielleicht allen, die unerwartet in irgendein Amt gesetzt werden und plötzlich eine Allmacht vorfinden, eine Unfehlbarkeit, die ihnen ungerechtfertigt vorkommt, erschlichen. Aber da sie institutionell bestätigt ist, kann sie nicht in Zweifel gezogen werden, nicht einmal von dem sie Ausübenden selbst. Wenn man ihn gefragt hätte, aber das tat man nicht, so hätte er ausgeführt, dass es ihm schon seit seiner Kindheit so ergangen sei: irgendetwas oder irgendjemanden hatte sein Umfeld immer gemeint, in ihm zu sehen, einzig er selbst konnte dieses Etwas, diese Person nie recht entdecken. Es mochte auch mit seiner äußeren Erscheinung zusammenhängen. Er war groß und recht stattlich gebaut, ohne dabei einschüchternd zu wirken, sein Gesicht ebenmäßig geformt, dabei nicht auffällig schön, alles hielt sich in einem angenehmen, bescheidenen Rahmen, der den oberen Rand des Normalen zu definieren schien. Wäre er ein klein wenig ansehnlicher gewesen, als er es ohnehin schon war, so dachte er gelegentlich, so wäre ihm nur ein Bruchteil der Anerkennung zugekommen, die ihn jetzt derart im Überfluss umschwirrte. Er rief, um es auf den Punkt zu bringen, keinen Neid hervor, kein Gefühl der Fremdheit: man hielt ihn überall für einen von uns, nur etwas vollkommener, aber das war in Ordnung, da es nunmal solche Menschen gibt und solche.

Diese Wirkung, die er auf alles ihn Umgebende zu haben schien, war natürlich nicht unbemerkt an ihm vorübergegangen. Sie verwunderte ihn zunächst, und er stellte Nachforschungen an, die aber zu keiner wirklichen Erkenntnis führten. Und wie der Mensch das eben gern tut, wenn er einem Umstand erfolglos nachforscht – vor allem natürlich, wenn es sich um einen ihm hauptsächlich angenehmen handelt – so nahm auch er ihn nach einer Weile als gegeben hin. Dazu muss gesagt werden, dass diese Weile endete, als Armin, denn so hieß er auch damals schon, noch in Kinderschuhen steckte und kaum die vierte Klasse beendet hatte. Schon in jungen Jahren also verspürte er ein Gefühl der unwiderlegbaren Großartigkeit in sich, die sich ihm zwar, seiner kindlichen Logik nach, nicht erschloss, deswegen aber, so spürte er, nicht minder existent war. Er genoss eine bevorzugte Behandlung, sowohl von Seiten der Lehrer als auch seiner Mitschüler – was wohl besonders bemerkenswert ist, denn üblicherweise schließt das Eine das Andere konsequent aus. Die Lieblinge der Lehrer sind für gewöhnlich unter ihren jungen Kollegen verhasst und stehen unter dem ständigen Verdacht des Bündnisses mit dem Feind, während der Anführer der Schülergemeinschaft von den sie Unterrichtenden, als aufrührerischer Revolutionär, für seine Stellung bestraft wird, bevor es überhaupt zur Revolution kommen kann. In Armins Fall aber war das anders. Er war weder Streber noch Schläger, schleimte sich bei keinem der Lager ein, sondern setzte feinfühlig seinen wachen Geist in dem Maße ein, dass eine genauere Kenntnis der Umstände anzunehmen war und er dennoch niemanden für sein Unwissen entblößte. Er beteiligte sich, häufig sogar maßgeblich, an allen Dummheiten und Streichen, die sich die Jungs ausdachten, war aber nie derjenige, der dafür an den Pranger gestellt wurde. Im Gegenteil: er beschuldigte sich selbst, der Initiator gewesen zu sein, was ihm ungeheuren Respekt von seinen Freunden und ein bewunderndes, wohlwollend strafendes Nicken von dem betroffenen Lehrer einbrachte, der ihm seine Schuldigkeit weder zutraute noch glaubte. Es war etwas in diesem ein wenig besseren Allerweltsgesicht, das es unmöglich zu machen schien, in ihm irgendeine böse Absicht zu erkennen. Armin, wenn man ihn gefragt hätte, wäre sich ziemlich sicher gewesen, in diesen Jahren zumindest bemüht gewesen zu sein, solcherlei Absichten zu entwickeln und nach außen zu tragen. Es war ja nicht im eigentlichen Sinne eine Entscheidung, die er getroffen hatte: er hatte sich nicht dazu entschieden, der Schuld nicht fähig zu sein. Und so, da die offensichtliche Ungerechtigkeit ihn verwirrte und ihm unerklärlich blieb, versuchte er eine Weile recht beharrlich, über seinen Schatten zu springen, der ihn schon damals bei Weitem überragte. Er meldete sich ein ganzes Schuljahr lang nicht zu Wort, rollte mit den Augen, wenn die Lehrer sprachen, kam zu spät, urinierte ins Waschbecken und intrigierte unter seinen Kumpanen. All das erfüllte ihn nicht eigentlich mit Zufriedenheit, es war ihm vielmehr gleichgültig mit einer leichten Tendenz zum Unangenehmen. Viel wichtiger aber war, dass seine Bemühungen nicht den geringsten Effekt erzielten: die Lehrer betrachteten ihn voller innigem Verständnis, seine Mitschüler zankten untereinander und ließen ihn stets unangetastet. Am Ende des Jahres wurde er zum Klassensprecher gewählt, obwohl er sich nicht einmal zur Wahl hatte aufstellen lassen: die Welt schloss Armin in ihre warmen, nachgiebigen Arme, so wie eine Mutter mit vor Liebe glühenden Wangen ihren Sohn an sich drückt, der sie zuvor in aller Ernsthaftigkeit zu erdrosseln versucht hat.  Ihm wurde ein Unrecht verziehen, das nur er selbst überhaupt als ein solches aufgefasst hatte, ohne dabei ein übermäßiges Kitzeln zu verspüren. Er sah ein, dass er wohl nicht für das Herbeiführen von Unheil geeignet sei, und nachdem er die Gründe für diese augenscheinliche Tatsache auch nicht zufriedenstellend herleiten konnte, nahm er auch sie als gegeben hin. Wenn überhaupt ein Mensch fähig ist, über einen längeren Zeitraum gegen sich selbst zu handeln, so war es Armin zumindest nicht, zumal er in dieser Zeit meinte, sein Selbst durchaus irgendwie wahrnehmen zu können, wenn er es auch nicht hätte ausformulieren können, aber auch das hielt er für ganz natürlich, was es ja vermutlich auch ist. Jedenfalls endete, mit der Wahl zum Klassensprecher, Armins erster Versuch des aktiv provozierten Lebens, und so sollte es für viele Jahre bleiben. Seine Pflichten als unfreiwilliger Primus nahm er in angemessener Weise ernst, ohne zu bemerken, dass ihm die lästigen Aufgaben stillschweigend abgenommen wurden, sodass von ihm nichts erwartet wurde, als eine repräsentative Person zu sein, ganz nach der Art, wie er eine solche verstehen wollte.

Bundeswehr

Bundeswehr kauft Texter von Warsteiner

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Die gute alte Bundeswehr hat eine neue Werbekampagne, wie in deutschen Großstädten unschwer zu erkennen ist. Auf allen möglichen Premium-Plakatflächen wird dem deutschen Jungvolk der Kriegsdienst ans Herz gelegt – und siehe da: ganz so unmodern sieht das gar nicht aus. Die plastisch anmutende, dreieckige Abstraktion eines Camouflagemusters könnte von irgendeinem Grafikdesignstudenten stammen, der Carhartt-Mützen und Vans trägt, oder so. Dazu eine serifenlose Typo, die witzige Sprüche blökt, wie: „Krisenherde löschst du nicht mit Abwarten und Teetrinken“, „Wahre Stärke findest du nicht zwischen zwei Hanteln“, oder eben „Wir kämpfen auch dafür, dass du gegen uns sein kannst“. Klar, insbesondere Letzteres ist gar nicht so doof, könnte man meinen. Aber ist es die Aufgabe der Bundeswehr, bestehende Ängste anzufachen, um neue Soldaten zu rekrutieren? Zu den Waffen, unsere Demokratie wird von haarigen Männern bedroht, ihr Jammerlappen? Und wenn alles wieder gut ist, also bestimmt gleich übermorgen, könnt ihr uns ja abwählen, per Volksentscheid. Ich weiß nicht. Am Schlimmsten aber, meiner unqualifizierten Meinung nach, ist eben die erzwungene Zeitgeistigkeit der Werbeaktion selbst. Die angegebene Website lautet mach-was-wirklich-zählt.de – keine Ahnung welcher Opa da den passenden Hashtag vergessen hat, und ich werde diese Seite auch nicht besuchen, aber: das klingt doch irgendwie sehr generisch nach Warsteiner, oder Puma, oder Adidas oder einer Lebensversicherung oder einem trendigen Bestattungsunternehmen. Nach sowas eben! Die Antwort der Bundeswehr auf die Frage, was denn nun wirklich zählt, wüsste ich allerdings schon gern. Wenn das so weiter geht, stehen die bald auch vor Supermärkten in Problemvierteln herum und locken die Jugendlichen mit tarnfarbigen Lollis. Amerika, Amerika.

So, da das hier vollkommen auszuarten droht, ich mir außerdem die Blöße einer politischen Äußerung für alle Zeit verboten habe, schnell zum eigentlichen Thema.

Eines der besagten Plakate habe ich letztens schief und krumm abfotografiert, ein bisschen höhnischen Quatsch dazu geschrieben und bei Instagram, der Politplattform unser aller Wahl, gepostet. Nach einer guten Stunde kommentierte irgendein Bundeswehroffizier, und zwar, so in etwa: „Schlappschwanz!“, woraufhin er mich auf mindestens dreitausend quadratischen Fotos markierte, die deutsche Männer bei dem zeigten, was wirklich zählt: beim bewaffneten hinter-Sandsteinecken-Stehen, beim in-Deckung-Gehen, beim Gruß an die in Jena wartende Verlobte, alles fotografisch ganz in Ordnung und zeitgemäß farbkorrigiert. Ich war einigermaßen beeindruckt, die Fotos waren allesamt sehr beliebt und standen auf Seiten wie @bundeswehr­_support oder @german­_army oder so ähnlich, alle mit massig  Followern. Ich hatte ja keine Ahnung! Ganz so schnell wollte ich mich allerdings doch nicht geschlagen geben: ich löschte den Offizierskommentar, blockierte den gemeinen Kerl, entfernte mein digitales Ich in stundenlanger Arbeit von allerlei Gewehrläufen, Panzerkanonen und grüßenden Händen, auf denen es markiert worden war, setzte meine Knirschschiene ein und weinte mich guten Gewissens in den Schlaf.

Hörspiel

neues Hörbuch: Ein guter Anfang

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Gelegentlich nehme ich kleine Hörbücher auf – was so viel heißt, wie: ich verbringe drei bis acht Minuten alleine vor meinem Telefon und erzähle etwas. Diese Praxis kann ich nur empfehlen – einen besseren Zuhörer wird man selten finden.

In meinem letzten Hörbuch (das, so wie alles von Bestand, Fragment geblieben ist) lese ich aus der Geschichte eines Mannes, der sich zu Hause einsperrt, weil ja eh alles egal ist. So einfach ist das dann aber doch nicht, denn, und das ist nur eines der vielen Probleme, der Kaffeevorrat ist begrenzt.

Hier kann man sich anhören, was ich eben schon verraten habe (und die anderen Hörbücher auch, wenn man geschickt ist):

trennung

Trennungsgeschichten

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Vor einiger Zeit habe ich eine kleine Episodengeschichte über eine gelungene Trennung und ihre Nachwehen geschrieben. Vor deutlich kürzerer Zeit wurde besagte Geschichte in zwei Teilen auf der Single- und Literaturseite (ich glaube, das trifft es ganz gut) im Gegenteil veröffentlicht. Was das über den Inhalt der Arbeiten aussagt, versuche auch ich immer noch herauszufinden.

Fest steht, dass die Geschichten natürlich frei erfunden sind – so etwas Schönes passiert in der Realität ja nun wirklich nicht. Sie können mit etwas Liebe und einem beherzten Klick hier gefunden werden:

http://imgegenteil.de/blog/wie-schoen-sie-war/

http://imgegenteil.de/blog/choreographien-des-miteinander