Hörgedicht: Ode an den IC

Letztens saß ich in einem der unzähligen Heizräume eines IC – ein Zug, dem seltsame Ideen zur effektiven Raumnutzung zugrunde zu liegen scheinen, der ganz in minzgrün und rosa gehalten ist, der weder über Bistro noch über Klimaanlagen verfügt, dafür aber über Fenster, deren Öffnung bei 250km/h jeden Fahrgast unweigerlich umbringt.

Leider wird dieser wundervolle Zugtypus nach und nach abgeschafft, durch charakterlose ICE ersetzt oder stillschweigend ins EU-Ausland verlegt, wo man einen Luftdruck von mehreren tausend bar noch zu schätzen weiß.

Bevor es also zu spät wäre, und während ich da zwischen zwei liebevoll durchnässten Kulinarikerinnen klemmte, tat ich das einzig Richtige: ich schrieb eine kleine Hymne an den IC, an Pferde, an die Freiheit; dann begab ich mich schnell ans zugeigene Piano und summte das just Geschriebene sanft in die empfänglichen Audiosensoren meines Telefons hinein.

Hier, also, das Resultat:

Das schöne Foto ist übrigens von meinem ungemein talentierten Freund Stefan Neumann – www.estebanstudio.com.

Hier noch einmal, für alle Gehörlosen und Interessierten, der Text als Text als Text:

Vom Raucherbereich aus verurteilte ich die Bevölkerung des Raucherbereichs am gegenüberliegenden Gleis. Eine angeschwemmte Aufgequollenheit; es war heiß, zu heiß für viele, viel zu heiß auch für mich, an eine auch nur ansatzweise elegante Handlung war kaum zu denken
Oh Weib, dein Fleisch umschließt mich wie ein weichgewordener Butterkeks
In einem Himmel der Empörung gefangen ließ ich meine Freude tröpfchenweise absterben
Ich fror wie ein Hummer im Kochtopf
Eine selten gewordene Zitatesammlung enthält nichts was überdauert
Ich bemühte mich, Bäume zu lieben, weil ich Proust gelesen hatte
Es gibt ja nichts, was man wirklich weiß, keinen Fakt, aber es klingt hübsch
Man hatte keine verträumte Jugend, nur weil man jetzt will
Du hast nie Comics geliebt
Ich glaube niemandem ein Wort.
Das eigentliche Problem ist, dass die Leute sich zu viel glauben
Simple gets things done
In einem Wald vor meiner Zeit und nichts passiert
Und keiner ruft an
Und es ruft immer jemand an aber das zählt nicht
Denn keiner ruft an
Jedem ist alles zuzutrauen
Ist es mir egal?? Es fühlt sich nicht an als wäre es mir nicht egal
Das Garagentor meiner Kindheit und der scheiternde Schließmechanismus des neuen Portals
Ich glaube mir selbst kein Wort
Es klingt alles gleich wenn man will
Man bekommt schon ein Trauma wenn man will
Man wird bewundert wenn man will geliebt wenn man will
Aber glaubt mir kein Wort denn es macht nichts
Mir macht es nichts
Wenn ich einen Kater habe vermisse ich dich
Oh immer ich vermisse dich, außer wenn ich einen Kater habe
Vermisse ich dich und mein Leben
Und die Ausbildung bei der Hypo Vereinsbank
Ein Kirschfeld im Frühling, zwei Rappen im Trab
Das haushohe Gras
Mein Handtuch wird nass
Kalte Füße im Sommer und Durchfall
Mein Körper ein Kausalquatsch und keiner glaubt mir
Na endlich! Wenn man nicht lügt glaubt einem keiner
Ein Mann mit Pferd verfügt noch beliebig über Träume
So prescht nur meine halbe Hüfte über fremde Wiesen
Und ich frage mich wenn es stürbe ob ich es wüsste
Nun. Egal, noch immer mein Fleisch zwischen glibbernden Schinken
Dein fettiger Atem beranzt das stufenlos zu öffnende Schiebefenster
Und wenn es ganz auf ist dann birst mir der Kopf
Ein Zug der den Selbstmord des Gastes ermöglicht
Ihn sogar ermuntert
Wenn Freiheit und Luft mir den Tod bringt
Ich bin schon immer ein Freund der Romantik gewesen
Der Zugbauer auch
aussortiert zugunsten sterilisierender Bläue
Die Sprünge nicht duldet und platzende Hirne
Nur Stille und 6-Loch-Schnürer und Zeitung die nie einer liest
Wenn schon kein Pferd, dann IC

 

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