Armin, ein Mensch wächst in seinen Anzug: Teil zwei

By 23. Januar 2016 Food for thought, Text

Armins Wesen war von einer abwartenden, fast schüchternen Zurückhaltung geprägt, die einen Beobachter verwundern könnte, wenn er der außerordentlich wohlklingenden Resonanz lauschte, die jede bisherige Berührung des Jungen mit seiner Umwelt hervorgerufen hatte. Es hatte sich aber in Armin, im Speziellen nach dem Jahr des erfolglosen Aufbegehrens, ein dumpfes, vielmehr abdämpfendes Gefühl verbreitet, das wohl am Treffendsten mit dem allseits beliebten Konstrukt der Demut zu bezeichnen wäre. Die Vorstellung, unter irgendetwas zu stehen, das ihn anonym nährte und einlullte, schüchterte Armin auf die keuscheste Art ein, ohne dass er realisierte, dass ganz ähnliche Auslegungen der möglichen irdischen Seligkeit schon über einige Tradition verfügten. Und so wie üblicher- und anerkannterweise solch feierliche Gefühle etwas sehr Zartes, Intimes in ihrem Wirt ansprechen, sah auch Armin sich in würdevoller Einsamkeit in die exakte Mitte eines auf ihn zustrebenden Universums gesetzt. Und da er sich nicht traute oder zugestand, gegen das sich seiner Bemächtigende die Augen zu erheben, geschah es einfach unbemerkt, seiner irgendwie vorhandenen inhärenten Logik folgend. Und Armin geschah mit ihm mit, die kleine Hand hinter dem kleinen Rücken ein bebendes Stück offen haltend. So, oder in etwa so, würde Armin auf Nachfrage sagen, nahm er sich damals wahr, und zuweilen errötete er vor sich selbst: im Moment des potenziellen Erzählens als auch, so würde er vermuten, in der beschriebenen Zeit selbst, aber so genau sei das nicht zu wissen.

In ebenfalls verhältnismäßig jungen Jahren, so würde man im Nachhinein wohl behaupten, entwickelte Armin eine schwärmerische Begeisterung für das andere Geschlecht, eine Begeisterung, die sich durchaus auch körperlich bemerkbar machte, ohne dass er recht wusste, was mit ihr anzufangen sei. Anfangs kam sie auch gänzlich ohne Ziel aus. Umso mehr schämte sich Armin, ein solches, nach Handlung schreiendes Brodeln in sich anzutreffen, ohne Gelegenheit zu finden – oder überhaupt zu ahnen, was eine geeignete Gelegenheit sei – sich abzukühlen. Es geschah dies aber einige Zeit nach seiner Erkenntnis, durch aktive Willensäußerung nicht vorankommen zu können, sodass er geduldig abwartete, bis sich ihm etwas ereignete, das seinen Trieb in eine gehörige Ordnung fügen würde. Das Ereignis hieß Hanna und hätte durchaus auch anders heißen können, da es aber das erste als solches Bemerkte war, gab Armin dem, plötzlich eintreffenden, Ordnungsprinzip für seinen erhitzten Zustand eben diese zwei einfachen Silben zum Namen, die man, wären die Eltern etwas achtsamer gewesen, von vorne wie von hinten hätte lesen können. Hanna war in Armins Klasse, was natürlich alles andere als neu war, und hatte demnach ein ähnliches Alter – wobei erwähnt werden muss, dass einige Monate zwischen den Geburten ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal darstellen, wenn die Verglichenen noch nicht den Sinn für kalendarische Details, mit zunehmendem Alter, verloren haben. Hanna also war dünnblond auf einem kleinen, zarten Kopf bewachsen, presste oft die Lippen aufeinander, dass sie verschwanden, trug eine bunte Brille, die sie wohl bald nicht mehr dulden würde, hatte viele verschiedene Stifte und eine Zwillingsschwester, die aus Gründen der Unterscheidbarkeit in der Parallelklasse saß. Wenn man jetzt nachgehakt hätte, wäre Armin in aller Beiläufigkeit erwähnenswert erschienen, dass das alles aber gar nicht so wichtig sei; Hanna war, und das sei der alleinige Kern der Geschichte, seine erste große Liebe gewesen, hatte der Idee der Großen Liebe Gestalt verliehen. Nun könnte man ja annehmen, dass Armin die nächsten Wochen, wenn nicht Monate auf Kniescheiben vor dieser Gestalt verbracht hätte, aber dann läge man ganz falsch, denn das war nicht seine Art. Es war wohl gleichermaßen seiner mangelnden Erfahrung mit solcherlei Situationen, seiner Scheu vor zwingenden Handlungen und der daraus resultierenden, abwartenden Schüchternheit zulasten zu legen, dass Armin im Grunde genommen gar nichts tat, was dem abgestumpften Ausgewachsenen einen Hinweis auf solch eine Seelennähe hätte geben können. Dass Hanna ihn mochte, nahm der Junge von Vornherein als gegeben hin, ohne sich mit der Hinterfragung dieses Umstands aufzuhalten; ihre Zuneigung ihm gegenüber war ja überhaupt die notwendige Inspiration gewesen, die ihn seine Unordnung als ebensolche auslegen ließ. Irgendetwas in ihm bemerkte jedenfalls, dass von diesem Mädchen etwas ausging, das ihn zu betreffen schien. Wie das bei Kindern, und wohl auch bei Erwachsenen zum guten Teil, so ist, äußerte sich dieses Etwas vor allem in der bewussten Nichtbeachtung seiner Person. Das war für Armin, der sich in seiner Rolle als gemeinsamer Nenner der Allgemeinheit eingelebt hatte, natürlich neu, und wenn Hanna als Einzige nicht über einen seiner Witze lachte, schielte er zu ihr und war sicher, eine so tiefsitzende Freude in ihren gläsern vergrößerten Augen zu lesen, dass sie der gemeinschaftlichen Zustimmung des Chores nicht bedurfte. Umso ausgiebiger betrachtete sie ihn dafür, wenn es sonst niemand tat. Armin spürte diese Blicke und begriff zunächst nicht, warum sie sich ausgerechnet die Momente auszusuchen schien, in denen er gar keinen exemplarischen Beweis seiner Person ablegte, vielmehr einfach nur da saß und das Leben sowie ein wenig Sauerstoff empfing. Er fand aber Gefallen an der Idee, jemanden auf diese Weise sozusagen exklusiv wahrzunehmen, hielt es für einen edlen und poetischen Vorsatz, dem ganz Alltäglichen einen solchen Wert zu verleihen, und guckte sich diese Praxis, nach einiger Überlegung, von ihr ab. Es liegt in solcher Betrachtung eine Faszination, wie sie vielleicht mit dem erhebenden Gefühl vergleichbar ist, das einen durchströmt, wenn man einen großen Filmstar, der sich unbeobachtet fühlt, in Jogginghose beim Verspeisen eines Käsebrots erwischt – schauerlich echte Momente also, was, wenn man darüber nachzudenken Lust hat, natürlich dieses oder jenes über den Grad an Echtheit aussagt, den man der beobachteten Welt zutraut. Armin dachte zwar nicht an Filmstars, empfand aber ein sehr persönlich wirkendes Glück, wenn er Hanna auf dieselbe Weise betrachtete, wie er es umgekehrt erfahren hatte. Irgendeine Skepsis schien sie dazu zu bewegen, ihren Rucksack unter dem Tisch ständig mit beiden Füßen umklammert zu halten, sie strich sich das Haar im Minutentakt hinter das rechte, nie aber hinter das linke Ohr, außerdem hatte sie ein großes Problem damit, eine gleichbleibend angenehme Temperatur für sich zu finden, sodass sie ihre Jacke immer aus- und wieder anzog; all das zu bemerken und abzuspeichern, bereitete Armin eine ganz seichte Freude, die ihm sehr richtig vorkam. Besonders aber liebte er es, wenn sie einen ihrer vielen Stifte anspitzte, dann war Armin voller Spannung und wartete darauf, dass sie die entstehenden Späne achtlos vom Tisch pusten würde, was auch immer geschah – den besonderen Reiz dieser beiläufigen Unternehmung konnte sich Armin zwar nicht erklären, aber er vermutete, dass ein wenig Geheimnisvolles zu solcher Spionage dazugehöre, und versuchte gar nicht erst, sich auf die Schliche zu kommen. Viel mehr passierte auch nicht. Es ist vielleicht noch von Interesse, dass Armin, in Bezug auf seine Eitelkeit, keinen Gewinn aus der Zuneigung Hannas zog: er setzte sie nicht einmal damit in Verbindung, da ihm das alles ganz natürlich vorkam, und somit auch keine besondere Leistung darstellte, derer er sich hätte rühmen können. Es war ihm ja einfach geschehen, ohne dass er groß dazu beigetragen hätte. Er war derart gewöhnt daran, dass er alles, was eintrat, im Nachhinein betrachtet, auch gewollt hatte, dass er sich erneut fühlte, als gäbe es jemanden, der früher als er selbst wusste, wonach ihm der unbemerkte Sinn stand, und ihm die Dinge in dem Moment zur Verfügung stellte, wenn auch Armin selbst meinte, etwas zu begehren. Es war also irgendwie gleichgültig, ob nun der Wunsch zuerst kam und die Erfüllung folgte, oder ob sich erst in der Sekunde des Erfüllens der Wunsch nachträglich erschloss. So funktionierte die Welt für Armin, und daran war gar nicht so viel Unverständliches. Wie gesagt, viel mehr passierte auch nicht, die beiden Liebenden waren sich stillschweigend einig, aus der Situation eine angemessene und erschöpfende Ration Genuss zu ziehen.

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