Neues Hörbuch: Salonmensch

By 21. Januar 2016 Audio, Food for thought

Zur Sekunde habe ich alter Schwerenöter mal wieder ein kleines Hörbuch in mein Telefon gesprochen – Inspiration waren, wie eh und je, die Leiden des jungen Werther. Na, einfach anhören.

Für diejenigen, die meinen basslastigen Pathos beim besten Willen nicht ertragen können, gibt es den Text unten auch als Text.

 

Ich bin ein Salonmensch, so sagte das ein Freund, ein älterer, ein Salonmensch; es gibt solche und solche, manche stehen eben auf und schreiben und erschaffen einfach, machen den ganzen Tag nichts anderes, und sind überhaupt ganz unangenehme Personen im Umgang – weil sie lieber schreiben und erschaffen würden, nicht reden. Ich rede lieber davon, als zu tun, ganz allgemein, und daran, so mein Freund, der ältere, daran ändere sich grundlegend nichts. Ich glaube es ihm, ich weiß es ja – immer wieder rede ich mir ein, mit mir und Büchern und schweren Gedanken und dem ganzen Tran vollkommen ausgefüllt zu sein; und dann kommt eine Einladung, irgendetwas lockt, oder ich habe einfach nur Hunger, beziehungsweise: unersättlichen Drang zu konsumieren, damit kann man den ganzen Tag zubringen, mit konsumieren, ohne Probleme. Und wenn man zur Genüge daran gewöhnt ist, in hohem Ausmaß alles Mögliche zu sich zu nehmen, dann fühlt sich das absolut normal an, wie ein notwendiger Bestandteil des Tages – und was notwendig zu jedem Tag gehört, das kann man ja nicht einfach weglassen, oder? Man würde ja umkommen. Und je mehr dieses notwendigen Konsums es gibt, desto mehr Zeit nimmt er in Anspruch, desto mehr Zeit tut man eigentlich nichts, als sich am Leben zu erhalten, wobei man sich natürlich das Leben damit alles andere als erhält.
Und dabei geht es gar nicht um Drogen, nicht nur; eigentlich geht es um viele andere Dinge wesentlich mehr als um Drogen, auch wenn sie natürlich symptomatisch für diese Art des Gewohnheitskonsums sind – es geht auch um das Gegenteil von Drogen, sozusagen: Sport, Obst, eine gesunde und bewusste Ernährung überhaupt, Spaziergänge; all das konsumiert man ja, und meint man in zunehmendem Maße konsumieren zu müssen, letztens las ich: wenn man jeden Tag eine Stunde joggen geht, dann verlängert das zwar das Leben um durchschnittlich zwei Jahre, aber man verbringt eben auch etwa vier Jahre seines Lebens nur mit dem Laufen. Das ist natürlich reichlich pauschal, und Joggen macht ja auch Spaß, es ist ja nicht so, als würde man gar nichts tun und die Jahre einfach in den Sand setzen, aber: ich bin mir sicher, dass es mittlerweile genau so viele Sportabhängige gibt wie Drogenabhängige. Da wird sich nur nicht so schnell drüber beklagt, wenn dann nur auf satirische Art: Sport ist spießig, ja, das kommt gerne mal aus dem Lager der überzeugten Künstler und Raucher; und das stimmt ja auch, aber ist es nur das? Was macht denn Spaß am Sport? Vor allem seine Hohlheit, die Dummheit, die er einem abverlangt: es ist ja nicht einmal so, als würde der Sport Dummheit nur dulden, er verlangt sie: wenn man denkt, kann man nicht vernünftig trainieren, dann kommen die Automatismen des Körpers durcheinander, also aus damit, und das wird dann als Überzeugung verkauft oder vielmehr als Argument – ich kann mich dabei so gut entspannen. Und ich frage mich immer, wovon zur Hölle sich diese Büroperson zu entspannen hat, warum er seinen Kopf ausschalten muss, der ohnehin nie wirklich geöffnet ist für irgendetwas, das seinen Horizont verfärben oder kreuzen könnte. Man optimiert sich, ja, und natürlich optimiert man sich auch vollkommen unverhältnismäßig: wohin denn mit der ganzen Gesundheit, mit all den Muskeln, in einer Welt die immer weniger davon verlangt – und schön und paradox ist, dass gleichsam es immer mehr davon gibt. Vorbereitung auf einen Notfall, der nie eintreffen wird, auf einen höchst unwahrscheinlichen Umstand; wie ein Schauspieler, der sich auf eine Rolle vorbereitet, die er dann doch nur spielt in aller Sicherheit; aber die meisten sind ja nicht einmal Schauspieler. Die Ergebnisse unseres Tuns kümmern nicht einmal in der Fiktion, und würde unser Bizeps gänzlich verkümmern, es änderte nichts an unserem Leben, wenig an unseren Jobaussichten, ein wenig mehr vielleicht an der Partnersuche. Sport verlängert ein Leben, das wir gar nicht wollen, sonst würden wir nicht zum Sport gehen. Sport ist für Salonmenschen, und Obst auch, und Gesichtscremes und überhaupt all das; wenn man ein wirklich leidenschaftlicher Mensch wäre, dann würde man das schon merken, dann hätte man gar keine Zeit für Irgendwas oder Irgendwen.
Es verzweifelt in mir einigermaßen darüber. Was auch keine Lösung ist: nicht zum Sport zu gehen, kein Obst zu essen, ein trockenes Gesicht zu bekommen, und sich vorzumachen, dass damit Leidenschaft erzwungen sei, eine Überzeugung: wenn ich mich zwänge, zu Hause zu bleiben, noch weniger auf mich zu achten als ohnehin schon, wenn ich mir den Spiegel entzöge und die Massage meiner Eitelkeit: ich würde unendlich unglücklich, ich käme um, und wichtiger – ich käme zu gar nichts mehr, auch nicht mehr zu meinen Stümpereien, die auf ebendiesen Eitelkeiten beruhen. Wenn ich mich auf eine einsame Insel zurückzöge, sollte das wirklich mal jemand tun (es tun ja Leute sehr erfolgreich), ich würde überall auf der Insel suchen, ob nicht jemand ein Telefon vergessen habe oder sonst irgendetwas, ich würde den ganzen Tag an Sex denken, mich bemitleiden, schlafen: bevor ich etwas zustande brächte. Es ist nicht jeder für so ein Inselleben gemacht, beziehungsweise: nur wenige sind es, nicht jeder wird zum Genie, wenn er endlich mal Zeit hat und seine Ruhe, nur wenige werden das, die meisten werden einfach immer dümmer; immer weniger fällt ihnen ein, und dann liegt man nur so rum und sabbert, weil es ja keiner merkt.
Und dann immer dieses Schreiben über sich selbst, diese Fantasielosigkeit, dieser Mangel an Empathie, diese Unfähigkeit über Menschen nachzudenken, die man nicht kennt – und über die Bekannten nur in dem Maße, in dem man ihnen Leid zugefügt hat, oder sie einem, und dabei bemerkt man, dass die Schuld klar verteilt war, immer klar verteilt ist. Ein Leben als Episode, das ist für sich genommen schon verwerflich, aber dann doch wenigstens mit einem Resultat, das sich sehen lässt, vielmehr: ein Resultat, das irgendwie erbaulich sein kann, für irgendjemanden zumindest, dass jemand aus den Fehlern, die man selbst gemacht hat, lernen kann, oder sich darin wiederfindet, aber mit einem Ausweg: nicht nur Ekel hervorrufen, Scham, Fremdheit, für wen tut man das alles denn? Für sich selbst, dann dürfte man nicht in Salonkategorien denken, für andere, dann müsste man über sich hinauswachsen können. Da ist doch der Bizeps ein guter Anfang.

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