Vorsätze, Vorsätze

By 6. Januar 2016 Allgemein, Text

Jedes beginnende Jahr braucht bekanntlich einen oder mehrere gute oder gutgemeinte Vorsätze, um sich von allen ihm vorangegangenen Jahren abzugrenzen und seine Neuartigkeit zu beweisen.

Denn: ohne Jahreswechsel ist bisher noch absolut niemand ein neuer Mensch geworden. Die Bedeutung von Jahreswechsel ist es also, uns, den Menschen, die Notwendigkeit der Erneuerung aufzuzeigen, die nur durch Vorsatz zu erreichen ist.

Schon seit einigen Jahren bin ich bei einem Düsseldorfer Fitnessdiscounter eingeschrieben, dem ich per Dauerauftrag monatlich Geld überweise. Allein dieses Angemeldetsein hat einen nachweislichen Effekt auf die Grazie meiner Figur – es bleibt weniger Geld, das in unnötige Nahrung gesteckt werden könnte. Meine Dankbarkeit dem Unternehmen gegenüber könnte daher kaum größer sein – jeder weiß ja, welches Glücksgefühl einer modeindustriekonformen Proportion tagtäglich entspringt.

Um diesen positiven Effekt im neuen Jahr ins vermutlich Unermessliche zu steigern, habe ich mich bei einem weiteren Körperkultgiganten einschreiben lassen, diesmal in Berlin – was auch deswegen sinnvoll ist, da ich nunmal in Berlin lebe. Mein Quadrizeps jedenfalls hat auf die relative Nähe der angekündigten Betätigung bereits mit einer erwartungsvollen Schwellung seiner selbst reagiert, die mich zum Einen sehr beglückte, zum Anderen aber zwei Tage der Erholung nach sich zog; man soll ja nicht übertreiben.

Nachdem ich meinem Körper die verlangte Regenerationsphase gegönnt hatte, entschloss ich mich am Sonntag Nachmittag, mit meiner geballten Herrlichkeit höchstpersönlich die Pforten der Sexappealmaschine zu durchtanzen. Nachdem ich einige Stunden lang meine Tasche mit den wenigen tausend Objekten akribisch bestückt hatte, die ein solcher Besuch mit anschließendem Saunagang erfordert, schritt ich also mit pochendem Herzen und pfeifenden Lungenflügeln in Richtung der permeablen Fasern mit Buttermilchgeruch.

Als ich ankam, wurde ich von  einigen fragenden Augenpaaren begrüßt, deren zugehöriger Körper sich zur Hälfte hinter einem  milchgläsernen Tresen  verbarg, zur anderen Hälfte aber in eine krebsrote Uniform zwängte. Das Motiv dieser fragenden Grundhaltung war mir klar: warum sollte ein Mensch wie ich, dem man den monatlich investierten Betrag an jedem Körperteil ansieht, seinen Sonntag Abend leibhaftig zwischen stählernem Gestänge verbringen wollen? Ich nickte ein Lächeln des Verständnisses und passierte das symbolische Drehkreuz, als man mir zurief, dass das würdige Etablissement bereits in zwanzig Minuten schließen würde; was ich denn noch vor  hätte? Ich nickte ein weiteres Lächeln und begriff: auch ein Rezeptionist möchte irgendwann seinen verdienten Feierabend genießen, vor lauter sportlicher Erregung war mir wohl mein Sinn für Logik abhanden gekommen. Ich ließ mir also die abgewetzte Einrichtung zeigen, bestätigte lässig meine jahrelange Erfahrung mit ihresgleichen, ging fix duschen, kämmte mir das satte Haar und belohnte mich mit einem doppelten Proteinriegel, um im Anschluss, gemeinsam mit den Uniformierten, das Ende eines erfolgreichen Tages durch die energische Drehung des Sicherheitsschlüssels zu bekräftigen.

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