Armin, ein Mensch wächst in seinen Anzug: Teil 1

By 1. Dezember 2015 Food for thought, Text

Er war ein Mensch, der unter der Wertschätzung, die ihm zuteil wurde, mehr litt als dass er sie genoss. So geht es vielleicht allen, die unerwartet in irgendein Amt gesetzt werden und plötzlich eine Allmacht vorfinden, eine Unfehlbarkeit, die ihnen ungerechtfertigt vorkommt, erschlichen. Aber da sie institutionell bestätigt ist, kann sie nicht in Zweifel gezogen werden, nicht einmal von dem sie Ausübenden selbst. Wenn man ihn gefragt hätte, aber das tat man nicht, so hätte er ausgeführt, dass es ihm schon seit seiner Kindheit so ergangen sei: irgendetwas oder irgendjemanden hatte sein Umfeld immer gemeint, in ihm zu sehen, einzig er selbst konnte dieses Etwas, diese Person nie recht entdecken. Es mochte auch mit seiner äußeren Erscheinung zusammenhängen. Er war groß und recht stattlich gebaut, ohne dabei einschüchternd zu wirken, sein Gesicht ebenmäßig geformt, dabei nicht auffällig schön, alles hielt sich in einem angenehmen, bescheidenen Rahmen, der den oberen Rand des Normalen zu definieren schien. Wäre er ein klein wenig ansehnlicher gewesen, als er es ohnehin schon war, so dachte er gelegentlich, so wäre ihm nur ein Bruchteil der Anerkennung zugekommen, die ihn jetzt derart im Überfluss umschwirrte. Er rief, um es auf den Punkt zu bringen, keinen Neid hervor, kein Gefühl der Fremdheit: man hielt ihn überall für einen von uns, nur etwas vollkommener, aber das war in Ordnung, da es nunmal solche Menschen gibt und solche.

Diese Wirkung, die er auf alles ihn Umgebende zu haben schien, war natürlich nicht unbemerkt an ihm vorübergegangen. Sie verwunderte ihn zunächst, und er stellte Nachforschungen an, die aber zu keiner wirklichen Erkenntnis führten. Und wie der Mensch das eben gern tut, wenn er einem Umstand erfolglos nachforscht – vor allem natürlich, wenn es sich um einen ihm hauptsächlich angenehmen handelt – so nahm auch er ihn nach einer Weile als gegeben hin. Dazu muss gesagt werden, dass diese Weile endete, als Armin, denn so hieß er auch damals schon, noch in Kinderschuhen steckte und kaum die vierte Klasse beendet hatte. Schon in jungen Jahren also verspürte er ein Gefühl der unwiderlegbaren Großartigkeit in sich, die sich ihm zwar, seiner kindlichen Logik nach, nicht erschloss, deswegen aber, so spürte er, nicht minder existent war. Er genoss eine bevorzugte Behandlung, sowohl von Seiten der Lehrer als auch seiner Mitschüler – was wohl besonders bemerkenswert ist, denn üblicherweise schließt das Eine das Andere konsequent aus. Die Lieblinge der Lehrer sind für gewöhnlich unter ihren jungen Kollegen verhasst und stehen unter dem ständigen Verdacht des Bündnisses mit dem Feind, während der Anführer der Schülergemeinschaft von den sie Unterrichtenden, als aufrührerischer Revolutionär, für seine Stellung bestraft wird, bevor es überhaupt zur Revolution kommen kann. In Armins Fall aber war das anders. Er war weder Streber noch Schläger, schleimte sich bei keinem der Lager ein, sondern setzte feinfühlig seinen wachen Geist in dem Maße ein, dass eine genauere Kenntnis der Umstände anzunehmen war und er dennoch niemanden für sein Unwissen entblößte. Er beteiligte sich, häufig sogar maßgeblich, an allen Dummheiten und Streichen, die sich die Jungs ausdachten, war aber nie derjenige, der dafür an den Pranger gestellt wurde. Im Gegenteil: er beschuldigte sich selbst, der Initiator gewesen zu sein, was ihm ungeheuren Respekt von seinen Freunden und ein bewunderndes, wohlwollend strafendes Nicken von dem betroffenen Lehrer einbrachte, der ihm seine Schuldigkeit weder zutraute noch glaubte. Es war etwas in diesem ein wenig besseren Allerweltsgesicht, das es unmöglich zu machen schien, in ihm irgendeine böse Absicht zu erkennen. Armin, wenn man ihn gefragt hätte, wäre sich ziemlich sicher gewesen, in diesen Jahren zumindest bemüht gewesen zu sein, solcherlei Absichten zu entwickeln und nach außen zu tragen. Es war ja nicht im eigentlichen Sinne eine Entscheidung, die er getroffen hatte: er hatte sich nicht dazu entschieden, der Schuld nicht fähig zu sein. Und so, da die offensichtliche Ungerechtigkeit ihn verwirrte und ihm unerklärlich blieb, versuchte er eine Weile recht beharrlich, über seinen Schatten zu springen, der ihn schon damals bei Weitem überragte. Er meldete sich ein ganzes Schuljahr lang nicht zu Wort, rollte mit den Augen, wenn die Lehrer sprachen, kam zu spät, urinierte ins Waschbecken und intrigierte unter seinen Kumpanen. All das erfüllte ihn nicht eigentlich mit Zufriedenheit, es war ihm vielmehr gleichgültig mit einer leichten Tendenz zum Unangenehmen. Viel wichtiger aber war, dass seine Bemühungen nicht den geringsten Effekt erzielten: die Lehrer betrachteten ihn voller innigem Verständnis, seine Mitschüler zankten untereinander und ließen ihn stets unangetastet. Am Ende des Jahres wurde er zum Klassensprecher gewählt, obwohl er sich nicht einmal zur Wahl hatte aufstellen lassen: die Welt schloss Armin in ihre warmen, nachgiebigen Arme, so wie eine Mutter mit vor Liebe glühenden Wangen ihren Sohn an sich drückt, der sie zuvor in aller Ernsthaftigkeit zu erdrosseln versucht hat.  Ihm wurde ein Unrecht verziehen, das nur er selbst überhaupt als ein solches aufgefasst hatte, ohne dabei ein übermäßiges Kitzeln zu verspüren. Er sah ein, dass er wohl nicht für das Herbeiführen von Unheil geeignet sei, und nachdem er die Gründe für diese augenscheinliche Tatsache auch nicht zufriedenstellend herleiten konnte, nahm er auch sie als gegeben hin. Wenn überhaupt ein Mensch fähig ist, über einen längeren Zeitraum gegen sich selbst zu handeln, so war es Armin zumindest nicht, zumal er in dieser Zeit meinte, sein Selbst durchaus irgendwie wahrnehmen zu können, wenn er es auch nicht hätte ausformulieren können, aber auch das hielt er für ganz natürlich, was es ja vermutlich auch ist. Jedenfalls endete, mit der Wahl zum Klassensprecher, Armins erster Versuch des aktiv provozierten Lebens, und so sollte es für viele Jahre bleiben. Seine Pflichten als unfreiwilliger Primus nahm er in angemessener Weise ernst, ohne zu bemerken, dass ihm die lästigen Aufgaben stillschweigend abgenommen wurden, sodass von ihm nichts erwartet wurde, als eine repräsentative Person zu sein, ganz nach der Art, wie er eine solche verstehen wollte.

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