Bundeswehr kauft Texter von Warsteiner

By 16. November 2015 Food for thought, Text

Die gute alte Bundeswehr hat eine neue Werbekampagne, wie in deutschen Großstädten unschwer zu erkennen ist. Auf allen möglichen Premium-Plakatflächen wird dem deutschen Jungvolk der Kriegsdienst ans Herz gelegt – und siehe da: ganz so unmodern sieht das gar nicht aus. Die plastisch anmutende, dreieckige Abstraktion eines Camouflagemusters könnte von irgendeinem Grafikdesignstudenten stammen, der Carhartt-Mützen und Vans trägt, oder so. Dazu eine serifenlose Typo, die witzige Sprüche blökt, wie: „Krisenherde löschst du nicht mit Abwarten und Teetrinken“, „Wahre Stärke findest du nicht zwischen zwei Hanteln“, oder eben „Wir kämpfen auch dafür, dass du gegen uns sein kannst“. Klar, insbesondere Letzteres ist gar nicht so doof, könnte man meinen. Aber ist es die Aufgabe der Bundeswehr, bestehende Ängste anzufachen, um neue Soldaten zu rekrutieren? Zu den Waffen, unsere Demokratie wird von haarigen Männern bedroht, ihr Jammerlappen? Und wenn alles wieder gut ist, also bestimmt gleich übermorgen, könnt ihr uns ja abwählen, per Volksentscheid. Ich weiß nicht. Am Schlimmsten aber, meiner unqualifizierten Meinung nach, ist eben die erzwungene Zeitgeistigkeit der Werbeaktion selbst. Die angegebene Website lautet mach-was-wirklich-zählt.de – keine Ahnung welcher Opa da den passenden Hashtag vergessen hat, und ich werde diese Seite auch nicht besuchen, aber: das klingt doch irgendwie sehr generisch nach Warsteiner, oder Puma, oder Adidas oder einer Lebensversicherung oder einem trendigen Bestattungsunternehmen. Nach sowas eben! Die Antwort der Bundeswehr auf die Frage, was denn nun wirklich zählt, wüsste ich allerdings schon gern. Wenn das so weiter geht, stehen die bald auch vor Supermärkten in Problemvierteln herum und locken die Jugendlichen mit tarnfarbigen Lollis. Amerika, Amerika.

So, da das hier vollkommen auszuarten droht, ich mir außerdem die Blöße einer politischen Äußerung für alle Zeit verboten habe, schnell zum eigentlichen Thema.

Eines der besagten Plakate habe ich letztens schief und krumm abfotografiert, ein bisschen höhnischen Quatsch dazu geschrieben und bei Instagram, der Politplattform unser aller Wahl, gepostet. Nach einer guten Stunde kommentierte irgendein Bundeswehroffizier, und zwar, so in etwa: „Schlappschwanz!“, woraufhin er mich auf mindestens dreitausend quadratischen Fotos markierte, die deutsche Männer bei dem zeigten, was wirklich zählt: beim bewaffneten hinter-Sandsteinecken-Stehen, beim in-Deckung-Gehen, beim Gruß an die in Jena wartende Verlobte, alles fotografisch ganz in Ordnung und zeitgemäß farbkorrigiert. Ich war einigermaßen beeindruckt, die Fotos waren allesamt sehr beliebt und standen auf Seiten wie @bundeswehr­_support oder @german­_army oder so ähnlich, alle mit massig  Followern. Ich hatte ja keine Ahnung! Ganz so schnell wollte ich mich allerdings doch nicht geschlagen geben: ich löschte den Offizierskommentar, blockierte den gemeinen Kerl, entfernte mein digitales Ich in stundenlanger Arbeit von allerlei Gewehrläufen, Panzerkanonen und grüßenden Händen, auf denen es markiert worden war, setzte meine Knirschschiene ein und weinte mich guten Gewissens in den Schlaf.

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